EU – Anfang vom Ende?

Politik / 15.05.2019 • 21:57 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Winston Churchills rhetorisch geniale Formulierung am Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs (nach der zweiten Schlacht von El Alamein im Spätherbst 1942, in welcher die Alliierten unter Montgomery die deutsch-italienische Panzerarmee unter Rommel besiegt hatten) sollte in die Weltgeschichte eingehen: „Das ist jetzt nicht das Ende. Es ist nicht einmal der Anfang vom Ende. Aber es ist vielleicht das Ende des Anfangs.“ Churchill hielt seine berühmte Rede am 10. November 1942 beim „Lord Mayor’s Luncheon“ im Londoner Mansion House. Vier Jahre später, ein Jahr nach dem Sieg über Nazideutschland und dessen Verbündete hielt er – inzwischen als Premierminister abgewählt – seine visionäre Zürcher Rede am 19. September 1946, in der er für die Schaffung der „United States of Europe“, für Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland und für die „Wiederherstellung der Europäischen Familie“ plädierte. Churchills abermals geschichtsträchtige Worte inspirierten letztlich die Schaffung des Gemeinsamen Marktes und später der EU. Der legendäre Staatsmann galt seither als „Vater Europas“.

Genau 70 Jahre nach dieser Rede sollte Großbritannien für den Austritt aus der EU votieren – und damit in ein heilloses, bis heute nicht überwundenes Schlamassel geraten. Notabene hatte Churchill keineswegs beabsichtigt, dass seine Nation sich an jenem europäischen Zusammenschluss beteiligen sollte – Großbritannien sollte zusammen mit den USA und der damaligen UdSSR als „Freunde und Sponsoren“ das europäische Projekt wohlwollend und patronisierend unterstützen: „We are of Europe but not of it“.

Heute ist ein Flugblatt in meinen englischen Briefkasten geflattert – es stammt von der (eigens für die EU-Wahlen gegründeten) Brexit-Party unter dem Ultra-Nationalisten Nigel Farage. Die Botschaften: „Diese Europawahlen hätten nie stattfinden dürfen!“ und „Rettet die britische Demokratie!“. Es ist wohl eher absurd, dass eine durch und durch anti-europäische Partei zu den EU-Wahlen antritt. Aber die Taktik scheint aufzugehen: In sämtlichen Meinungsumfragen lässt die Brexit-Party die bisher dominierenden Parteien Tories und Labour weit hinter sich. Dass Kanzler Kurz – ein Politiker aus dem Schoß der traditionell pro-europäischen ÖVP – knapp vor den Europawahlen simplistisch-demagogische Schlagworte wie „Bürokraten in Brüssel“ und „Regelungswahnsinn“ von sich gibt (und sich damit direkt ins Fahrwasser der anti-europäischen Rechtspopulisten manövriert), gibt nicht weniger zu denken. Doch Kurz ist zweifellos im Trend. Ein Fanal für den Anfang vom Ende der EU? Alle Prognosen künden jedenfalls vom unaufhaltsamen Vormarsch der Rechtspopulisten im bevorstehenden europäischen Urnengang.

„Es ist wohl eher absurd, dass eine durch und durch anti-europäische Partei zu den EU-Wahlen antritt.“

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).