Wir haben den wohl engagiertesten Europa-Wahlkampf aller Zeiten erlebt

27.05.2019 • 05:29 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Wolfgang Burtscher

Schade. Wir haben den wohl engagiertesten Europa-Wahlkampf aller Zeiten  erlebt. Mit starkem Interesse für die zahlreichen Konfrontationen mit höchst engagierten Kandidaten, die gute Entscheidungsgrundlagen gegeben hätten. Doch Ibiza hat aus der EU-Wahl einen Probegalopp für die NR-Wahl gemacht. Für die ÖVP-Wähler war offenbar der Bundeskanzler ein wichtiges Wahlmotiv. Die Doppelstrategie von Kurz mit dem schwarzen Karas und der türkisen Edtstadler ist voll aufgegangen, denn nach Ibiza hat der prononcierte FP-Kritiker Karas manche veranlasst, doch der VP die Stimme zu geben. Karas hat den Spagat zwischen Loyalität zum Kanzler und der Position als Warner vor der FP überzeugend geschafft. Die FPÖ konnte vor Ibiza mit 23 bis 25 % rechnen und so besehen ist der Absturz krass. Aber das Wahlergebnis zeigt auch, dass die FPÖ einen harten Kern an Wählern hat, der den Verschwörungstheorien glaubt, die die Äußerungen von Strache offenbar entschuldigen sollen. Ein harter Kern, dem es völlig egal ist, wenn der Parteiobmann Medien kaufen will, extrem frauenverachtende Äußerungen macht und Staatsaufträge nach Gutsherrenart vergeben möchte. Die SPÖ hat  zum einen die Rechnung für die Auswahl des Spitzenkandidaten bekommen, der halt bei der Vergabe anderer Posten übrig geblieben ist. Aber auch für  die wenig überzeugende Oppositionsrolle. Heisst nicht Gutes für die NR-Wahl. Die Grünen haben ein unerwartetes Lebenszeichen von sich gegeben, haben aber ein veritables Problem, weil ihr Krisenmanager Kogler eigentlich in Österreich gebraucht würde und weit und breit keine Spitzenkandidaten (männlich/weiblich) für die NR-Wahl in Sicht sind. Die NEOS sind zwar jetzt eine fixe Größe, haben sich aber mit den Themen „Vereinigte Staaten“ und „EU-Pass“ zu weit aus dem Fenster gewagt. Die Liste „Jetzt“ ist nach dem wohl endgültig Geschichte. Jetzt schaut alles gebannt auf das Misstrauensvotum gegen die Regierung. Für SPÖ und FPÖ macht das ÖVP-Ergebnis die Sache noch schwerer. Soll man einen Kanzler abwählen, der offenbar bei den Bürgern im Stimmungshoch ist? Ab Dienstag verhandeln die Regierungschefs über die Topjobs in Europa. Wenn Österreich da nicht oder durch einen Ersatzkanzler vertreten ist, wäre das für unser Land fatal.  Das wäre dann der eigentliche Schaden von Ibiza.