„Berühmt zu sein, bedeutet mir nichts“

Politik / 28.05.2019 • 17:29 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Links: Greta Thunberg im Gespräch mit den VN und den anderen Bundesländerzeitungen. Davor war sie bei Bundespräsident Van der Bellen (oben l.). Weiters: wichtige Stationen ihrer Karriere.Akos Burg, Reuters, APA
Links: Greta Thunberg im Gespräch mit den VN und den anderen Bundesländerzeitungen. Davor war sie bei Bundespräsident Van der Bellen (oben l.). Weiters: wichtige Stationen ihrer Karriere.Akos Burg, Reuters, APA

Als Gast von Arnold Schwarzenegger sprach Greta Thunberg gestern in Wien. „Das ist nicht irgendein Notfall, sondern die größte Krise, die die Menschheit jemals gesehen hat“, mahnte die 16-jährige, die Klimakatastrophe zu stoppen.

Du bist 16 Jahre alt und innerhalb von neun Monaten zu einem der bekanntesten Gesichter der Welt geworden. Das Time Magazin zählt dich zu den 100 einflussreichsten Personen weltweit, alle wollen Interviews und Selfies mit dir. Nimmst du das als Erfolg wahr oder als Last?

Ich hätte nie gedacht, dass das alles einmal diese Entwicklung nehmen würde. So hatte ich das ja nicht geplant. Mein Plan war einfach, einen Schulstreik zu machen. Dass die Sache dann so groß geworden ist, hat mich selbst überrascht. An sich mag ich es überhaupt nicht, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Aber dann sage ich mir, dass es für eine gute Sache ist. Ich kann mich auch schwerlich beklagen, schließlich habe ich mich selbst in diese Situation gebracht.

Hast du den Eindruck, dass sich etwas verändert hat, seit du für den Klimaschutz aktiv bist?

Die Leute reden jetzt mehr über die Klimakrise und die Botschaft verbreitet sich. Wenn die Medien über mich berichten, dann müssen sie auch über die Klimakrise berichten. Das ist ein guter Nebeneffekt dieser Berühmtheit. Aber die Berühmtheit selbst kümmert mich nicht, sie bedeutet mir nichts. Ich will einfach nur etwas verändern.

Du sollst privat ein eher schüchterner Mensch sein, der nicht viel spricht. Wie schaffst du es dann, so wie jetzt in Wien vor Hunderten Menschen eine Rede zu halten?

Eigentlich fällt mir das gar nicht so schwer. Privat bin ich sehr zurückgezogen und mache nie Small Talk. Ich knüpfe nicht gerne soziale Kontakte. Aber wenn ich eine Rede halte oder ein Interview gebe, dann geht es darum, meine Botschaft rüberzubringen. Ich weiß, was ich sagen will. Und wenn ich auf einer Bühne stehe, konzentriere ich mich nur darauf.

Am Freitag haben weltweit Hunderttausende Jugendliche die Schule bestreikt und nach deinem Vorbild mehr Klimaschutz gefordert. Was kann mit diesem Protest tatsächlich erreicht werden?

Wir können sehr viel erreichen, wenn genügend Menschen daran mitarbeiten. Die Leute werden schon aufmerksam, wenn wir ihnen vorhalten: Ihr stehlt uns unsere Zukunft! Gemeinsam können wir Druck auf die Entscheidungsträger ausüben.

Kritiker sagen, dass es vernünftiger wäre, nachmittags nach Schulende zu demonstrieren. Warum geht ihr während der Unterrichtszeit auf die Straße?

Ich wollte etwas Neues machen. Ich war zuvor bei unzähligen Protestmärschen und Demonstrationen dabei. Kinder haben sonntags demonstriert, aber das hat überhaupt keine mediale Aufmerksamkeit erzeugt. Wenn wir diesen Protest nicht in der Schulzeit austragen würden, würde sich niemand dafür interessieren. Es wäre dann einfach nur noch so ein Protest. Aber jetzt ist es mehr als das.

Hat es ein Schlüsselerlebnis gegeben, das deinen Einsatz für den Klimaschutz ausgelöst hat?

Als ich acht oder neun Jahre alt war, sahen wir in der Schule einen Film über Plastik im Meer. Wir sahen fürchterliche Bilder von toten Tieren mit Plastik in ihren Bäuchen und auch von schmelzenden Polkappen. Ich musste weinen und auch meine Klassenkameraden waren traurig. Aber kurz darauf machte wieder jeder so weiter wie bisher. Das hat mich überrascht, denn ich konnte das nicht. Ich konnte diese Bilder nicht mehr aus meinem Kopf bekommen.

Im August 2018 hast du dann damit begonnen, freitags die Schule zu bestreiken, weil zu wenig für den Klimaschutz getan wird.

Ja, ich habe zunächst versucht, andere für die Idee zu begeistern, aber keine wollte mitmachen. Also habe ich einfach alleine begonnen.

Wie haben deine Eltern reagiert?

Die waren nicht sehr glücklich. Sie sagten: Bist du dir sicher, dass du das tun willst? Du riskierst damit deine Bildung und es gibt doch viele andere Wege, wie du dir Gehör verschaffen kannst. Ich sagte einfach: Ich habe mich entschieden und ich mache das jetzt. Das werdet ihr akzeptieren müssen.

Haben sie?

Sie konnten mich nicht aufhalten. Sie können meinen Schulstreik nicht einfach unterstützen, weil Eltern sicherstellen müssen, dass ihre Kinder zur Schule gehen.

Du scheinst einen sehr starken Willen zu haben.

Ja! Wenn ich eine Leidenschaft für etwas habe, dann bin ich äußerst stur.

Wie lange hat es gedauert, bis dir andere Schüler gefolgt sind?

Am ersten Tag war ich allein. Dann kamen einige Journalisten, die etwas über mich ­schreiben wollten. Ich hatte meine Aktion ja auf Instagram und Twitter gepostet und sie ging online. Schon am zweiten Tag saß ich nicht mehr alleine da.

Im Jänner hast du in Davos eine inzwischen berühmte Rede gehalten, in der du gesagt hast: „Ich will, dass ihr in Panik geratet. Ich will, dass ihr dieselbe Furcht verspürt, die ich jeden Tag spüre.“ Worin besteht diese Furcht genau?

Inzwischen spüre ich sie nicht mehr so stark. Angst hatte ich vor allem damals, als ich in den Bibliotheken gesessen bin und über die Klimaprognosen gelesen habe. Ich hatte Angst, dass ich keine Zukunft haben würde.

Das hat sich geändert?

Ja. Weil ich begonnen habe, mich zu engagieren. Wenn du Angst hast oder traurig bist, ist es der beste Weg, etwas zu unternehmen, zu verändern.

Wie bist du eigentlich nach Österreich angereist?

Mit dem Zug.

Bist du jemals geflogen?

Ja, natürlich. Als ich jünger war, hatte meine Familie einen sehr großen CO2-Fußabdruck. Meine Mutter ist beruflich sehr viel geflogen und manchmal haben wir sie begleitet. Aber das war, bevor ich auf die Klimakrise aufmerksam geworden bin.

Die Flugbranche hat zuletzt Einbußen erlitten, weil weniger Kurzstreckenflüge gebucht werden. In der Branche nennt man das „Greta Effekt“. Siehst du das als Erfolg?

Diese Entwicklung hat nicht notwendigerweise etwas mit dem Klimawandel zu tun. Aber wenn das doch eine Rolle spielt, dann zeigt das, dass die Menschen auf das Problem aufmerksam werden. Und das wäre ein gutes Zeichen.

Was ist es, das dich so stark antreibt? Woher kommt diese enorme Entschlossenheit?

Ich denke, das kommt daher, dass ich weiß, was auf dem Spiel steht. Und ich sehe es als meine moralische Pflicht an, alles zu tun, was ich kann, um das Schlimmste abzuwenden.

Du hast das Asperger Syndrom, eine leichte Form des Autismus. Spielt das dabei auch eine Rolle?

Ja, wenn Leute wie ich in einer Sache sehr entschlossen sind, dann entfalten sie einen eisernen Willen. Und dann wird es durchgezogen.

Deine Reden sind immer äußerst geschliffen und fokussiert. Das hat dich zuletzt Verdächtigungen ausgesetzt, du würdest sie gar nicht selbst schreiben und politisch instrumentalisiert.

Doch, ich schreibe sie selbst. Die Rede, die ich gerade hier in Wien gehalten habe, habe ich im Zug am Sonntagnachmittag entworfen. Gestern hage ich sie finalisiert. Natürlich hole ich mir Rat von anderen Menschen und halte Kontakt mit Wissenschaftlern für fachliche Fragen.

Wie lange bleibst du in Österreich?

Ich reise am Freitagnachmittag wieder ab. Zuvor nehme ich hier am Heldenplatz aber noch am freitäglichen Schulstreik teil.

Das Interview mit Greta Thunberg wurde für die Bundesländerzeitungen von Günter Pilch (Kleine Zeitung) geführt. Er hat nicht aufgrund des jugendlichen Alters der Gesprächspartnerin die Du-Form verwendet, sondern nur weil diese in Schweden gebräuchlicher ist als das Sie.