13 Millionen Aufrufe: Wie die wütende Abrechnung von YouTuber Rezo die deutsche Politik beeinflusst

Politik / 30.05.2019 • 10:30 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
AFP

In Deutschland bestimmt das Video des YouTubers Rezo, das mittlerweile über 13 Millionen Mal aufgerufen wurde, seit mehreren Tagen den politischen Diskurs.

Berlin, Schwarzach Rezo ist einer der erfolgreichsten Musik-Videoblogger in Deutschland. Seine Videos erreichen die Schwelle von fünf Millionen Abrufen auf seinen beiden YouTube-Kanälen nur hin und wieder. Rezos Generalabrechnung mit der Politik von CDU, CSU, SPD und AfD sprengt jedoch alle Rekorde: Über 13 Millionen Mal wurde das 55-Minuten-Video mit dem Titel „Die Zerstörung der CDU“ mittlerweile abgerufen.

Die Wutrede des 26-Jährigen mit den blau gefärbten Haaren hinterließ in der Politik unserer Nachbarn tiefe Spuren. Bei der EU-Wahl am vergangenen Sonntag stimmten 35 Prozent der Wähler in der Altersgruppe zwischen 18 und 24 Jahren für die Grünen. Das ist auch jene Altersgruppe, die besonders häufig das Rezo-Video abgerufen hatte.

Doch was sagt der in Aachen lebende studierte Informatiker in dem vieldiskutierten Anti-CDU-Video? In seinem Beitrag thematisiert Rezo unter anderem die deutsche Klimapolitik, die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich und die, wie der 26-Jährige sagt, „Inkompetenz“ einzelner CDU und SPD-Politiker. Das Besondere daran: Rezo, der seinen echten Namen geheim hält, gibt in dem Video zahlreiche Quellenverweise zu Studien, Publikationen von Stiftungen sowie Medienberichten an, die er in einem 13-seitigen Google-Docs-Dokument auflistet.

In der deutschen Politik folgte in den Tagen nach der Veröffentlichung eine hitzige Diskussion. Die Christdemokraten kritisierten die Wutrede als einseitig, unsauber recherchiert, zugespitzt. Doch eine wirksame Reaktion seitens der CDU blieb aus.

„Ich habe mich gefragt, warum wir nicht eigentlich auch noch verantwortlich sind für die sieben Plagen, die es damals in Ägypten gab“, sagte CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer vergangene Woche, kurz nachdem sich das Video wie ein Lauffeuer verbreitet hatte. Nach einigem Hin und Her rang sich die Parteiführung immerhin dazu durch, sich in einem langen Dokument „Wie wir die Sache sehen“ an den inhaltlichen Punkten von Rezo abzuarbeiten, die der Blogger mit Quellenhinweisen belegt hatte.

Nach der Europawahl können die Verantwortlichen der Union das Debakel nicht einfach abhaken und zur Tagesordnung übergehen. Zu deutlich haben Rezo und die rund 70 anderen YouTube-Stars, die sich mit seiner Kritik solidarisiert haben, die Meinungsbildung vor dem Urnengang geprägt. „Jetzt sind plötzlich alle ganz aufgeschreckt“, schreibt Social-Media-Experte Philipp Jessen im Tagesspiegel Background Digital, „weil sie sehen, welchen politischen Einfluss ein YouTuber mit blauen Haaren und ein kluges Mädchen mit Namen Greta haben können, beide mit Smartphone und großen Ideen bewaffnet, aber ohne Parteizugehörigkeit“, so der Geschäftsführer der Kommunikationsberatung Storymachine.

Doch was ist dran, an den Thesen des 26-jährigen YouTubers? Dazu zwei ausgewählte Beispiele:

Faktencheck: Arbeitsplätze in Solarbranche

  • Rezo sagt in seinem Video: „CDU und SPD bauten 80.000 Arbeitsplätze in der Solarbranche (in den Jahren 2012 bis 2015) ab und hielten an 20.000 Arbeitsplätzen in der Kohle-Industrie fest.“

Rezo bezieht sich mit seinen Zahlen auf die Aussagen von Volker Quaschning, einem Professor für Regenerative Energiesysteme in Berlin. Tatsächlich hat die Bundesregierung im Jahr 2012 die Förderbeträge für Solarenergie geändert. Das machte die Nutzung von Photovoltaik weniger attraktiv und führte zu einem Abbau von Arbeitsplätzen in der Solarbranche.

Allerdings war auch die ausländische Konkurrenz in den Jahren zuvor immer stärker geworden. Die gesunkenen Preise hatten die heimische Photovoltaikindustrie ebenso belastet. Vor allem aber regierte im Jahr 2012 die Union mit der FDP und nicht mit der SPD, wie Rezo behauptet.

Laut Bundeswirtschaftsministerium hat sich die Zahl der Beschäftigten bei den erneuerbaren Energien von 2000 bis 2016 mehr als verdreifacht: Von rund 100.000 Menschen auf knapp 340.000. Im Gegenzug ist die Zahl der Menschen, die in der Kohlebranche arbeiten, auf rund ein Drittel gesunken. Direkt in der Braunkohle-Industrie arbeiten nach Angaben des Branchenverbandes rund 21.000 Menschen. Die Zahl blieb seit 2005 recht konstant. Dazu kommen rund 5700 Menschen in der Steinkohle, rund 85 Prozent weniger als im 2005.

Faktencheck: Schere zwischen Arm und Reich

  • Rezo sagt in seinem Video: „Die ärmsten 50 Prozent haben immer weniger Geld und die reichsten zehn Prozent immer mehr Geld. Dazu stieg die Armut in Deutschland in den letzten Jahren konstant an.“

Rezos Aussage bezieht sich auf eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). In der entsprechenden DIW-Pressemitteilung vom Januar 2018 steht: „Der Einkommensanteil der unteren 50 Prozent sank von 26 Prozent im Jahr 1995 auf knapp 17 Prozent im Jahr 2013.“ Aus dieser Quelle zu schlussfolgern, dass die unteren 50 Prozent immer weniger Geld hätten, ist falsch. Zu erkennen ist allerdings: Der wirtschaftliche Aufschwung kommt nicht bei allen gleichermaßen an.

Die DIW-Untersuchung wurde anhand der Bruttoeinkommen gemacht, also bevor zum Beispiel Steuern vom Gehalt abgezogen oder geringe Einkommen mit Sozialleistungen vom Staat aufgestockt wurden. Wie viel Geld am Ende auf dem Konto ankommt, ist aus der Studie nicht abzulesen.

Der DIW-Wissenschaftler Markus Grabka sagte allerdings: „Die Bezieher von niedrigen Einkommen sind in den letzten Jahren mehr geworden.“ Zudem sind in dieser Gruppe die Einkommen gesunken. Während es also für die Mehrheit der Deutschen beim Geld bergauf ging, nahmen für die unteren zehn Prozent seit 2010 trotz guter Wirtschaftslage und geringer Arbeitslosigkeit die realen Einkommen ab. Das zeigt ein jüngst veröffentlichter DIW-Bericht.

Die Zahl der Niedriglohnbezieher ist in den vergangenen Jahren gewachsen, und sie verfügen zugleich über weniger Einkommen. Wenn Rezo das mit seinem plakativen Satz („dazu stieg die Armut in Deutschland in den letzten Jahren konstant an“) meint, dann hat er recht. Bezogen auf die Hälfte der Bevölkerung ist die Aussage aber falsch. VN/MIH, DPA