Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Wer Parteifreunde hat, braucht keine Feinde

10.06.2019 • 19:39 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Pamela Rendi-Wagner und Heinz-Christian Strache, zwei Menschen, zwei politische Welten, zwei, die nichts gemeinsam haben. Sie, die zurückhaltende ehemalige Spitzenbeamtin, die mit der Rolle als SPÖ-Vorsitzende ringt; er, der langjährige, lautstarke Rechts-Politiker, der nach Ibiza zurücktreten musste, aber das politische Ende nicht akzeptieren will. Und dennoch, an den beiden kann man jetzt eine der destruktivsten Dynamiken der Politik erkennen: Wer Parteifreunde hat, der braucht keine Feinde.

Wir konnten in den vergangenen Tagen dabei zusehen, was Parteien ihren eigenen Leuten antun, wenn der Führungsanspruch nicht mehr gesichert ist, wenn es schlecht läuft, wenn man die Chefin, den Ex-Chef loswerden will. Da schleichen Intriganten aller Art herum und stecken Medien interne Mails, Protokolle und G’schichteln, andere machen es mit offenen Untergriffen – und ja, der Journalismus spielt auch bis zu einem gewissen Grad bei solchen Dynamiken mit.

Ungewollt an der Spitze

Rendi-Wagner darf also derzeit unzählige gut gemeinte Ratschläge und Gerüchte über mutmaßliche Nachfolger wie Gerhard Zeiler lesen – manchmal auch mit einem frauenverachtenden Unterton. Dabei bieten ihr Auftritt, die Kommunikation und Strategie der SPÖ ohnehin viel Anlass zur Kritik. Da muss man gar nicht auf die „attraktive“ Frau hinhauen (wäre sie unattraktiv, dann hätte sie genauso ein Problem). Und Strache erlebt, wie auf einmal alte Fotos und Postkarten bei Medien auftauchen, die belegen, dass er als junger Mann die Nähe zum rechtsextremen Milieu wohl doch noch länger gesucht haben dürfte als bisher bekannt war. Nun, da ihn viele in der FPÖ loswerden wollen, wird das Material den Medien zugespielt – damit Strache das ihm dank Vorzugsstimmen zustehende EU-Mandat bloß nicht annimmt. Für jemanden, der trotz aller kritikwürdiger Politik, die er vertreten hat, seine Partei nach Knittelfeld wieder aufgebaut hat, ein bitterer Rauswurf aus der FPÖ-„Familie“.

Spirale der Entwertung

Solche Umgangsformen nähren bei vielen gerade nach Ibiza dieses Bild von Politik: Politikmenschen sind korrupt, unfähig, intrigant, nur mit sich selbst beschäftigt. Medien ringen dabei auch mit Erwartungshaltungen und Anstand. Sie wollen aufklären, sagen, was ist, aber eben auch mit süffigen Geschichten die Aufmerksamkeit des Publikums erlangen. Und viele lieben Heckenschützen-Geschichten, machen wir uns nichts vor.

So begibt sich der politmediale Betrieb in eine Spirale der gegenseitigen Entwertung. Ein Grundrespekt im Umgang miteinander, nicht nur beim Aufstieg von Politikern, sondern auch bei ihrem Niedergang, wäre wohl gesünder für Politik, Journalismus, für uns alle.

„Wir können jetzt dabei zusehen, was Parteien ihren eigenen Leuten antun, wenn es schlecht läuft.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit ­Vorarlberger Wurzeln und lebt in Wien. Podcast: @ganzoffengesagt