70,8 Millionen Menschen auf der Flucht

Politik / 19.06.2019 • 20:29 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR berichtet von Rekordanstieg der Anzahl an Menschen, die auf der Flucht sind. reuters
Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR berichtet von Rekordanstieg der Anzahl an Menschen, die auf der Flucht sind. reuters

UNHCR-Bericht zum Weltflüchtlingstag ist alarmierend.

genf Die Zahl der Vertriebenen und Flüchtlinge ist auf einen neuen Rekordwert gestiegen. Ende vergangenen Jahres lebten 70,8 Millionen Menschen fern ihrer Heimat, die vor Gewalt, Konflikten, Verfolgung oder Menschenrechtsverletzungen geflohen waren, berichtete das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) am Mittwoch in Genf. Im Jahr zuvor seien es 68,5 Millionen gewesen.

Neben den Flüchtlingen gibt es weltweit Migranten, die bessere Arbeits- und Lebensbedingungen im Ausland suchen. Ihre Zahl schätzte das UN-Büro für Migration (IOM) 2017 auf 258 Millionen weltweit.

„Es gibt neue Konflikte, neue Situationen, die Flüchtlinge hervorbringen, die zu den alten hinzukommen. Die alten werden nie gelöst“, sagte der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi. Die Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen stieg innerhalb von zehn Jahren um fast 65 Prozent. Einen großen Anteil daran hat der Krieg in Syrien, wo in den vergangenen acht Jahren 13 Millionen gewaltsam vertrieben wurden. Aber auch viele andere Dauerkonflikte tragen zu diesem dramatischen Anstieg bei. Etwa vier Fünftel der „Vertreibungssituationen“ bestehen laut UNHCR seit mehr als fünf Jahren. Grandi ermahnte Spitzenpolitiker – unter anderem US-Präsident Donald Trump – dass es diesen Menschen zusätzlich schade, wenn sie als Gefahr für Arbeitsplätze und die Sicherheit in potenziellen Aufnahmeländern dargestellt würden. Viele der Migranten, die etwa aus Ländern wie Honduras oder El Salvador durch Mexiko Richtung USA aufbrechen, seien auf der Flucht vor Bandenkriminalität und könnten von ihrer eigenen Regierung keinen Schutz erwarten. Zudem würden laut dem Bericht die meisten Flüchtlinge in Entwicklungsländern aufgenommen, nicht in Industriestaaten. Was die Industriestaaten betrifft, wurden weltweit die meisten neuen Asylanträge in den USA gestellt, gut 250.000. Auf dem zweiten Platz stand Peru wegen des Andrangs von Venezolanern, gefolgt von Deutschland. Hier kamen die meisten neuen Anträge von Syrern, Irakern und Iranern.

Zuflucht in ärmsten Ländern

Allerdings war mehr als die Hälfte der Flüchtlinge im vergangenen Jahr im eigenen Land vertrieben. Fast 30 Millionen waren über Grenzen geflohen und vier von fünf kamen in Nachbarländern unter, nicht in Europa oder den USA, betonte Grandi. Die größte Bürde trügen nicht die westlichen Länder, in denen viele Politiker heute von einer Krise sprächen, die nicht mehr zu bewältigen sei. Reiche Länder haben nach UNHCR-Angaben zusammen 16 Prozent der Flüchtlinge aufgenommen. Ein Drittel der Flüchtlinge weltweit habe Zuflucht in den ärmsten Ländern gefunden.

SOS Kinderdorf warnt

Christian Moser, Geschäftsführer von SOS-Kinderdorf, weist anlässlich des Weltflüchtlingstages darauf hin, dass mehr als 50 Prozent aller Flüchtlinge weltweit Kinder sind. „Sie brauchen besonderen Schutz und besondere Unterstützung.“ Doch die Realität sehe anders aus, auch in Österreich. „Vielen geflüchteten Minderjährigen wird der Zugang zu Bildung verwehrt. Das ist ein Verstoß gegen die UN-Kinderrechtskonvention und gehört dringend repariert“, stellt Moser klar. „Ein Kind ist ein Kind, egal, wo es geboren ist. Und jedes Kind hat das Recht auf Schutz, auf Bildung, auf Entfaltung.“

„Vielen geflüchteten Minderjährigen wird der Zugang zu Bildung verwehrt.“