„Warum heilen, wenn es keine Krankheit ist?“

Politik / 30.06.2019 • 20:09 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
SPÖ-Politiker Mario Lindner hat den Antrag schon im Dezember eingebracht.   APA

Antrag von SPÖ-Politiker Lindner vor Beschluss: Verbot von Versuchen, Homosexualität zu therapieren.

Birgit Entner-Gerhold

wien Bastian wuchs in einem streng religiösen Elternhaus in Bremen auf. Er ist homosexuell und hat sich daher schuldig gefühlt. Er quälte sich fast acht Jahre lang mit einer „Konversionstherapie“, also mit Gesprächen, Gebeten und Dämonenaustreibung, da er seine als falsch empfundenen Gefühle loswerden wollte. Letztendlich stürzte er in eine Depression. Die „Therapie“ hat ihn psychisch krank gemacht.

Pro Jahr gibt es in Deutschland Tausende solche „Konversionsversuche“, wie Jörg Litwinschuh-Barthel von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld erklärt. Er hat sich mit dem Thema Konversionstherapie beschäftigt; im Auftrag des deutschen Gesundheitsministers Jens Spahn, der erst kürzlich ein Verbot dieser Praktiken angekündigt hatte.

In Österreich zieht das Parlament jetzt nach. SPÖ, Neos, Jetzt und ÖVP werden diese Woche einen entsprechenden Entschließungsantrag absegnen. Die Abgeordneten fordern die Bundesregierung darin auf, „dem Nationalrat unverzüglich eine Regierungsvorlage zur Beschlussfassung zu übermitteln, mit der die Ausübung von Konversions- und ,reparativen Therapieformen‘ an Minderjährigen verboten wird“.

Abänderungsantrag geplant

Mario Lindner (SPÖ) hat diesen Antrag bereits im Dezember 2018 eingebracht. „Wir diskutieren das Thema schon lange, sind aber immer auf Granit gestoßen. Jetzt ist endlich Bewegung in die Sache gekommen.“ Mit der ÖVP sei nur noch ein Abänderungsantrag verhandelt worden, der festhalte, dass Experten aus der Psychiatrie und Psychotherapie in die Gesetzeswerdung einzubeziehen sind.

Die Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP) hat sich bereits im April 2018 gegen Sichtweisen und Therapien ausgesprochen, die den Eindruck vermitteln, dass Homosexualität eine sexuelle Fehlentwicklung oder Erkrankung sei, die durch Interventionen korrigiert werden könnte oder sollte. Außerdem warnte die ÖGPP vor potenziellen Risiken solcher Konversionstherapien. Sie würden von Verunsicherung und Irritation bis zu psychiatrischen Störungen oder gar Suizid reichen.

Malta beschloss bereits 2016 ein Verbot für „Konversionstherapien“ bei besonders schützenswerten Personen. Das EU-Parlament verurteilte im März 2018 die umstrittenen Verfahren mit großer Mehrheit.

Das Institut für Ehe und Familie von der Bischofskonferenz sieht ein zu weit gefasstes Verbot hingegen kritisch, berichtet die „Kathpress“. Es bestünde die Gefahr, dass die Therapiefreiheit, die sexuelle Selbstbestimmung und das Recht der freien Religionsausübung gefährdet würden. Beichtpriester, Seelsorger oder Laien, die Menschen im Sinne der katholischen Lehre begleiten und beraten, könnten von Sanktionen betroffen sein, befürchtet das Institut. Der Antrag von Mario Linder gehe undifferenziert davon aus, dass sexuelle Orientierung ein stabiles Persönlichkeitsmerkmal sei und jegliche Bemühung um Veränderung, welche Homosexualität nicht bestärke, der Person schade. Lindner weist die Kritik zurück. „Aus welchem Grund sollte man jemanden heilen, wenn es kein Krankheitsbild gibt?“ Vor allem habe der Glaube, dass Homosexualität therapierbar oder gar „heilbar“ sei, nichts mehr im 21. Jahrhundert verloren. Offiziell ist Homosexualität erst seit 1992 keine Krankheit mehr. Damals wurde sie von der Weltgesundheitsorganisation aus dem Katalog zur internationalen Klassifikation von Krankheiten gestrichen.

Lob aus Vorarlberg

Michael Andreas Egger vom Vorarlberger LGBTIQ-Verein GoWest zollt Mario Lindner Respekt. Es sei bemerkenswert, was dieser geschafft habe. Noch vor einigen Wochen wäre ein Beschluss zum Verbot von Konversionstherapien undenkbar gewesen. „Plötzlich ist eine Parlamentsmehrheit möglich.“ In Vorarlberg sind Egger keine Fälle solcher „reparativen Praktiken“ bekannt. Diese lägen schon über 20 Jahre zurück. „Wir sind zwar ein konservatives Land, in diesem Bereich aber doch etwas moderner.“ Die Diözese Feldkirch sei hier zum guten Glück sehr offen. In anderen Bundesländern gebe es leider noch Betroffene, denen Psychiater, Seelsorger oder Priester Homosexualität wegtherapieren wollten. Wie viele es tatsächlich sind, lasse sich nicht sagen, zumal kaum darüber gesprochen werde.

Bastian aus Bremen hat das getan. Er unterstützt die politische Debatte in Deutschland aktiv, indem er offen über seine Erfahrungen mit „pseudo-therapeutischen Umpolungsversuchen“ berichtet. Für sich persönlich hat er mit dem Kapitel abgeschlossen.

„Der Glaube, dass Homosexualität heilbar sei, hat nichts mehr im 21. Jahrhundert verloren.“