Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Alle gegen Kurz: Viel Feind, viel Macht

Politik / 01.07.2019 • 13:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Es ist ja wirklich nicht so, dass Sebastian Kurz derzeit so kanzleresk agiert, dass man den Ex-Kanzler nicht kritisieren könnte. Die SPÖ und ihr Umfeld in Interviews etwa in die Nähe des Ibiza-Skandals zu rücken, ohne Beweise vorzulegen, hat nichts mit „neuem Stil“ zu tun, so desavouiert man politische Gegner. Wenn man solche Manöver dann wie Kurz im Ö1-Mittagsjournal mit Sätzen à la „Ich patze niemanden an, ich teile nur meinen Wissensstand mit“ rechtfertigt, bleiben wohl manche Zuhörende irritiert zurück.

Es ist für den Chef der Volkspartei in dieser Übergangsphase manchmal schwer, ein Maß zwischen Attacke und Staatsmann-Attitüde zu finden – Selbstbild: der Kanzler der Herzen reist zu seinem Volk durchs Land. Die während der Regierungszeit perfekte türkise Kontrolle zeigt leichte Risse. Dennoch, trotz dieser inneren Widersprüche erfreut sich Kurz mit 38 Prozent der höchsten Zustimmung bei der aktuellen ATV-Österreich-Umfrage. Auch bei der Beurteilung der Arbeit der Parteivorsitzenden seit der Übergangsregierung liegt Kurz klar vorne, vor Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger – obwohl er aus taktischen Gründen nicht mal im Parlament sitzt. Das liegt auch daran, dass mühsame Sacharbeit heute für viele weniger Reiz hat als politische Persönlichkeiten. Doch vor allem ist die Fokussierung seiner Gegner auf ihn für die ÖVP nützlich. Alle gegen Kurz, das bedeutet in Führungsetagen auch Machtzuschreibung: Wer Feinde hat, ist wichtig; wer Feinde hat, bekommt mehr Aufmerksamkeit. Nur unwichtige Leute haben keine Feinde.

Polemiken als Wahlhilfe

Harte Kritik der Gegner an ÖVP-Inszenierungen – Kurz mit Omas im Senioren-Wohnhaus, Kurz mit sechsjährigem Mädchen, das ihm einen Brief schrieb – könnte eher beim Publikum ankommen, wenn manche nicht ständig in überzogene Polemiken kippen würden. Auf Politik-Bühnen wie Twitter „Faktisch Kindesmissbrauch“ über Kurz-Instagram-Fotos mit seinem briefschreibenden Fan zu schreiben oder das erschütternde Bild vom kleinen Aylan, der auf der Flucht ertrunken ist, mit fragwürdigen Anspielungen und „Schreibtischtäter Kurz“ zu posten (wie SPÖ-nahe Publizisten oder Wiener Grün-Politiker), das kommt der ÖVP gelegen. Wer solche Feinde hat, der braucht gleich weniger Freunde.

Ich wäre dafür, dass alle Parteien Senioren und Kinder mit ihren Inszenierungen in Ruhe lassen.

Derartige Aussagen nutzt ÖVP-Bundesgeschäftsführer Karl Nehammer natürlich taktisch: Wir, die „normalen“ Menschen, die sich über Kinder-Briefe freuen gegen die anderen, die untergriffig gegen uns agieren. Ich wäre übrigens sehr dafür, dass alle Parteien Senioren und Kinder mit ihren Inszenierungen in Ruhe lassen, das hat etwas Übergriffiges, egal, wer die Kleinen und Alten freundlich heimsucht. Solche Aktionen gehören ins Politikhandbuch der 70er-Jahre. Bitte, danke.