Kogler zum Spitzenkandidaten der Grünen gewählt

06.07.2019 • 12:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
APA HERBERT PFARRHOFER
APA HERBERT PFARRHOFER

wien Die Grünen gehen mit Werner Kogler als Spitzenkandidat in die Nationalratswahl. Der Bundessprecher erhielt mit 98,58 Prozent der Delegiertenstimmen fast einhellige Unterstützung. 209 der 212 gültigen Stimmen entfielen beim Bundeskongress am Samstag in Wien auf ihn. Gegenkandidaten gab es keine.

Die Frage, ob er die Wahl annehme, beantwortete er mit: „Ja, danke schön.“ Für den Urnengang Ende September versprühte er Optimismus. „Wir haben vor zwei Jahren gemeinsam verloren. Jetzt werden wir gemeinsam wieder gewinnen“, sagte Kogler.

Vor seiner Wahl warb Kogler in einer fast einstündigen Brandrede für sich, die Öffnung seiner Partei und auch für die von ihm forcierten Promi-Kandidatinnen. „Wer das nicht will, soll mich nicht wählen“, sagte er. Die Grünen rief er zur Volkspartei mit Öko- und Sozialschwerpunkt aus, mit dem „primitiven Blödsinn“ und dem „Scheißdreck“-Populismus der ÖVP/FPÖ-Regierung rechnete er ab.

„So gut wie die regieren wir schon lange“, meinte Kogler selbstbewusst, rief gleichzeitig aber zu „Demut statt Hochmut“ auf. Die Frage, ob die Grünen nach einem Wiedereinzug in den Nationalrat mitregieren wollen, beantwortete er ambivalent. „Wir können nicht Blau-Blau (so Koglers Charakterisierung der bisherigen Koalitionsparteien, Anm.) verhindern wollen und nicht da sein, wenn es darauf ankommt“, meinte er einerseits. Andererseits sei „mit dieser türkisen Truppe“ vieles nicht möglich. Es müssten also vor allem die anderen Parteien einen weiten Weg zurücklegen, um mit den Grünen koalieren zu können.

„Ein grünes, europäisches Rot-Weiß-Rot, das ist unser Auftrag“, meinte Kogler. Dafür brauche man Bündnisse mit NGOs, Umweltorganisationen und aufgeklärten Kräften in den Religionsgemeinschaften, aber auch in der Wirtschaft. „Es gibt da draußen so viele Menschen, mit denen wir wesentlich mehr gemeinsam haben als das, was uns trennt“, plädierte er für eine Öffnung der Partei. Als Vision und Idee hätten die Grünen trotz Rauswurf aus dem Nationalrat gar nicht verschwinden können, weil es eine Nachfrage gebe, „weil der Planet sonst an die Wand fährt“.

Sich selbst charakterisierte der Spitzenkandidat als Kind der Ära von SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky. „Wäre er nicht gewesen, ich weiß nicht, ob ich hier stehen würde.“ Kreisky habe Österreich durchlüftet und dafür Bündnisse geschaffen. Mit der Bundespräsidentschaftskandidatur von Alexander Van der Bellen sei ein ähnliches Bündnis ein zweites Mal gelungen. Nun sollten auch die Grünen so agieren. „Stärkung durch Zusammenhalt statt Schwächung durch Spaltung, das ist Grün“, sagte er.

Das Ziel sei ein gerechtes, korruptionsfreies, bildungsgerechtes, weltoffenes und tolerantes Österreich, „wo der Zusammenhalt vor der Spaltung kommt“. Man müsse „Kinderarmut bekämpfen, nicht produzieren, nur wegen einem scheißdreck billigen Populismus“. Er sprach vom Rechtsextremismus der FPÖ, und auch die ÖVP sei bereits blau eingefärbt. „Türkis ist mindestens rechtspopulistisch“, so Kogler.

Eine der wichtigsten Gerechtigkeitsfragen und ein Kernthema der Grünen sei der Klimaschutz. Von der SPÖ komme hier nichts, und bei Türkis-Blau agierten ohnehin die „Fred Feuersteins der Antiklimapolitik“. Dass nun auch Sebastian Kurz den Klimaschutz für sich entdeckt habe, sei nicht mehr als ein Schmäh und eine Verhöhnung. Für den Bundessprecher passt da gut ins Bild, dass sich Kurz unlängst von einem evangelikalen Priester segnen ließ, dass ihm nach eigenen Angaben selber schwindelig wurde. „Ich glaube ihm das, aber ich will keinen schwindligen Kanzler“, spottete Kogler.

Hinter Spitzenkandidat Werner Kogler wählte der Bundeskongress der Grünen am Samstag Global-2000-Chefin Leonore Gewessler und die Journalistin Sibylle Hamann auf die Bundeslistenplätze zwei und drei. Beide mussten sich keinen Gegenkandidaten stellen. Gewessler erhielt 207 von 208 gültigen Stimmen (99,52 Prozent), Hamann 183 von 200 (91,50 Prozent).

Auf Platz vier setzte sich der bisherige EU-Mandatar Michel Reimon mit 87,44 Prozent gegen Alexander Spritzendorfer durch. Zuvor hatte Nina Tomaselli, Spitzenkandidatin in Vorarlberg und stellvertretende Bundessprecherin der Grünen, „zugunsten des großen Ganzen“ ihre Kandidatur zurückgezogen.

Platz fünf erhielt Alma Zadic, die 2017 für die Liste des Ex-Grünen Peter Pilz in den Nationalrat eingezogen war. „Meine Vision ist eine grüne Vision, dafür will ich meinen Beitrag leisten“, warb sie für Unterstützung: „Ich weiß, es ist nicht einfach, aber ich stehe mit Demut vor euch und bitte euch, mir diesen Vertrauensvorschuss zu geben.“ Die Delegierten quittierten dies mit 77,66 Prozent Zustimmung, womit sich Zadic gegen Bettina Bergauer durchsetzte.