Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Die Regeln des Spiels

Politik / 08.07.2019 • 22:33 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wer in die Politik geht, sollte ihre oder seine Privatmeinung besser gleich elegant zu Hause lassen. Das durfte jetzt auch Sibylle Hamann lernen, als die renommierte Journalistin („Presse“, „Falter“) bei der Kür der Bundeslisten-Kandidaten der Grünen am Samstag von Delegierten nach der Wehrpflicht für Frauen gefragt wurde – sie hatte für Gleichberechtigung in diesem Bereich geschrieben – antwortete sie (noch) nicht wie eine Politikerin, sondern mit ihrer Meinung: „Egal, was wir haben, Wehrdienst, Berufsheer oder Sozialdienst, ich bin überzeugt, dass wir dieselben Regeln für Frauen und Männer brauchen.“

Der „Kurier“ machte diese nicht nur bei Feministinnen umstrittene Aussage natürlich gleich zum Herzstück seines Berichts von der grünen Listenerstellung (was hätte auch sonst die klickstarke Geschichte von einer Wahllisten-Veranstaltung sein sollen?), reichweitenstarke Journalisten-Accounts pushten die Geschichte eifrig auf den sozialen Medien, und die Ex-Kollegin Hamann konnte das ganze Wochenende live erleben, wie wild es zugeht, wenn man auf der anderen Seite steht. Ja, so kann er sein, der Journalismus. Die Grünen kürten mit der Global-2000-Chefin Leonore Gewessler und Hamann übrigens zwei Quereinsteigerinnen hinter Werner Kogler auf die ersten drei Plätze der Bundesliste.

Harter Selbsterfahrungstrip

Neue prominente Gesichter, die für ein Thema stehen, können Parteien bei Wahlen bekanntermaßen nutzen. Das Einleben in der anderen Welt fällt vielen Neuen allerdings schwer, selbst wenn sie aus dem politmedialen Mikrokosmos kommen und die Mechanismen kennen sollten – aber eben nur mit dem Blick von außen auf die Politik.

Menschen, die Erfahrung und Expertise aus anderen Bereichen in den Politikbetrieb miteinbringen, können das System jedenfalls bereichern, falls sie den Kulturwechsel schaffen.

Und sich nicht zu sehr von den Regeln des Spiels einschüchtern lassen: Lieber vorsichtig sein, lieber Sprechblasen absondern, lieber trainiert als authentisch auftreten.

Das Maß zwischen Person und Rolle zu finden – den Mut nicht aufgeben, aber nicht immer gleich alles zu sagen und sich manchmal mehr Zeit zum Nachdenken zu nehmen – ist wohl ein harter Selbsterfahrungstrip, aber es ist möglich.

Auf die wirklichen Herausforderungen kann man sich nur schwer vorbereiten. Falls sich zum Beispiel nach der Nationalratswahl tatsächlich die Frage einer türkis-grünen Koalition stellen sollte (derzeit unwahrscheinlich, die Fortsetzung von Türkis-Blau ist bei Weitem wahrscheinlicher) und sich auch die grünen Quereinsteigerinnen mit der Kurz-ÖVP inklusive deren rigider Flüchtlingspolitik arrangieren müssten.Dann wären die Neuen so richtig in der Politik angekommen.

„Das Maß zwischen Person und Rolle zu finden ist ein harter Selbsterfahrungstrip, aber es ist möglich.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit ­Vorarlberger Wurzeln und lebt in Wien. Podcast: @ganzoffengesagt