Kollisionskurs

10.07.2019 • 20:49 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Internationale Atombehörde IAEA in Wien hat jetzt bestätigt, dass Iran die Uran-Anreicherung von U-235 in seinen Anlagen über die vereinbarten 3,67 Prozent hinaus auf 4,5 Prozent erhöht hat. Auch habe Iran sein Kontingent an schwach angereichertem Uran (300 Kilogramm) überschritten. Iran droht die Anreicherung auf 20 Prozent anzuheben. Aber das sind noch lange nicht die 90 Prozent, die zum Bau einer Atombombe benötigt würden.

Dennoch: Die westliche Welt ist alarmiert. Der französische Präsident Macron entsendet seine höchsten diplomatischen Unterhändler nach Teheran. US-Präsident Trump will – angeblich aus humaritären Motiven – einen militärischen Schlag gegen die islamische Nation in letzter Minute gestoppt haben. Iran hatte zuvor eine amerikanische Aufklärungsdrohne abgeschossen – unklar ist, ob sich diese über iranischem Gebiet oder internationalen Gewässern befand. Im Mai und Juni wurden Öltanker im strategischen Nadelöhr der Meerenge von Hormuz mit Raketen beschossen. Die USA und Großbritannien beschuldigen Iran, hinter den Angriffen zu stehen.

China und Russland unterstützen hingegen Iran. Und Israel, das direkt im Visier iranischer Raketen steht und seit Jahren einen erbitterten Kleinkrieg gegen die von Teheran betriebenen Terrorgruppen in Libanon und im Gaza-Streifen (Hizballah und Hamas) führt, steht Gewehr bei Fuß. Sollte Teheran tatsächlich den letzten Schritt tun und Nuklearwaffen für seine bereits in seinen Arsenalen wartenden Mittelstreckenraketen entwickeln, wäre Israels Existenz akut bedroht – und ein Präventivschlag mit Sicherheit zu erwarten.

Der nationale amerikanische Sicherheitsberater John Bolton beteuert, dass die USA keine kriegerische Auseinandersetzung mit Teheran suchten – und kündigt gleichzeitig die Verlagerung des Flugzeugträgers Abraham Lincoln aus dem Mittelmeer in den Persischen Golf, mit 85 Kampfflugzeugen und knapp 6000 Marineangehörigen an Bord. Einen Hinweis darauf, wie der Mann tickt, gibt der Titel seines Kommentars in der New York Times aus dem Jahr 2015: „To Stop Iran’s Bomb, Bomb Iran“.

Man kann vermuten, dass Trump gar nicht ungern zuschlagen würde – schon um es seinen Vorgängern in Irak und Afghanistan gleichzutun. Dass Großbritannien sich als wichtigster Alliierter der USA in einen Iran-Krieg hineinziehen lässt, ist nicht völlig abwegig. Dabei schuldet London den Iranern seit Jahrzehnten 450 Millionen Pfund Sterling – aus einem Panzer-Deal mit dem Schah von Persien. Beim Machtwechsel in Teheran zu den Ayatollahs wurde die Auslieferung dieser Panzer blockiert – stattdessen wurden diese von den Briten ein zweites Mal, nämlich an die verfeindeten Iraker, verkauft. Die dann vermutlich mit denselben Panzern auf die angreifenden Briten schossen. Der Nahe Osten ist eine Bühne für absurdes Welttheater – auf der allerdings mit scharfer Munition geschossen wird.

„Der Nahe Osten ist eine Bühne für absurdes Welttheater.“

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).