Sektenbericht: Von Wunderheilung und spirituellen Meistern

11.07.2019 • 18:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Wichtige Themen waren unter anderem Esoterik, Okkultismus, Satanismus und Extremismus.  APA

Bundesstelle verzeichnet leichten Anstieg bei den Beratungsfällen.

wien Frau X geht es körperlich und psychisch schlecht. Eine Freundin empfiehlt daher, die Hilfe eines spirituellen Meisters zu suchen. Frau X besucht Seminare und Einzelsitzungen. Bald fordert sie der Meister zu einem Umzug auf – nämlich in sein Zentrum, das sich in einem kleinen Dorf weit weg vom Wohnort von Frau X befindet. Denn nur dort könne sie gesund werden, sagt der Meister. Frau X lässt Wohnung, Beruf und Freunde zurück, um dem Meister nahe zu sein. 15 bis 20 Menschen haben es ihr gleichgetan.

Im Zentrum wird das Leben zunehmend schwieriger. Der Meister stellt eine Reihe an Forderungen an die Gruppe: Nicht nur dass alle in seinem Betrieb gratis mitarbeiten müssen. Sie sind auch angehalten, regelmäßig kostenpflichtig an seinen Wochenendseminaren teilzunehmen. Wer das nicht tut, wird wüst beschimpft und bedrängt. Der Meister argumentiert, dass bald ein Krieg ausbricht und die Welt zerstört wird. Nur in seiner Nähe sei man in Sicherheit. Frau X fühlt sich immer stärker unter Druck gesetzt. Sie weiß nicht mehr weiter, denkt sogar an Selbstmord.

Am meisten Anfragen aus Wien

Dieses anonymisierte Fallbeispiel wird im aktuellen Tätigkeitsbericht der Bundesstelle für Sektenfragen genannt, welcher vor Kurzem der Bundesregierung präsentiert wurde. Mit Fällen wie Frau X sind die Mitarbeiter jedes Jahr konfrontiert. 1649 Personen wandten sich 2018 an die Bundesstelle, die in dem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen feierte. Im Rahmen der psychosozialen Beratung und Begleitung verzeichnete die Einrichtung 2018 429 Fälle. 2017 waren es noch 402 gewesen. Oft sind es auch nicht Betroffene selbst, die sich um Hilfe bemühten, sondern Angehörige. Die meisten Anfragen (147 Kontaktpersonen) kamen aus Wien. In Vorarlberg nannten sechs Personen als Wohnort. Auch aus Deutschland oder der Schweiz wurde die Bundesstelle kontaktiert.

Die Anfragen betrafen 243 unterschiedliche Gemeinschaften, Bewegungen, Organisationen und Themen. 95 Prozent befassten sich mit Religions- oder Bekenntnisgemeinschaften, die weder gesetzlich anerkannt noch staatlich eingetragen sind. Die hohe Anzahl zeige die Vielfalt der religiösen und weltanschaulichen Situation in Österreich, heißt es in dem Bericht. Gleichzeitig bestätige sich ein langjähriger Trend: Die Szene splitterte sich in kleinere Gemeinschaften und Organisationen auf. Insgesamt sei die religiöse, spirituelle und weltanschauliche Landschaft in den vergangenen Jahren zunehmend unüberschaubar geworden. Wichtige Themen für die Einrichtung waren Esoterik, Okkultismus, Satanismus, Wunderheilungen, fundamentalistische Strömungen, Verschwörungstheorien, Angebote zur Lebenshilfe bis hin zu religiösem Extremismus. Sie zählte auch mehr als 80 Medienanfragen: Die meisten betrafen die sogenannten Staatsverweigerer.

Für Frau X hat sich das Blatt gewendet. Erst als der Meister sie vor den anderen demütigte, beschimpfte und schließlich hinauswarf, konnte sie sich auch innerlich von der Gruppe lösen. Sie kehrte in ihren Heimatort zurück. Dank medizinischer und psychotherapeutischer Hilfe bessert sich ihr Zustand nun langsam wieder.