Journalisten in der Politik: der große Seitenwechsel

Politik / 28.07.2019 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Brandstätter kandidiert für die Neos auf Platz 2. APA

Immer wieder gehen Journalisten in die Politik. Sie befinden sich in guter Gesellschaft.

Birgit Entner-Gerhold

Wien Helmut Brandstätter geht in die Politik. Gerade noch war er Herausgeber der Tageszeitung „Kurier“, jetzt will er für die Neos ins Parlament. Der 64-Jährige ist kein Parteimitglied, die Neos nennen ihn Bündnispartner. Damit befindet er sich in guter Gesellschaft, denn auch die Grünen holten sich Verstärkung aus dem Journalismus. Für sie geht Sibylle Hamann, die für „Falter“, „Presse“ und „Profil“ geschrieben hatte, ins Rennen. Trotz fehlender Parteimitgliedschaft wurde die 52-Jährige auf den dritten Listenplatz gewählt. Hamann und Brandstätter sind nicht die ersten, die den Seitenwechsel wagten. Bei nahezu allen Parteien dockten in der Vergangenheit bereits zahlreiche ihrer Kollegen an.

Zahlreiche Quereinstiege

Die ÖVP gewann etwa Alfred Worm (verstorben), Aufdecker des Wiener AKH-Skandals in den 1980er-Jahren als Wiener Landtags- und Gemeinderatsabgeordneten. Gertrude Aubauer (68), einst Moderatorin der ORF-Sendung „Hohes Haus“, saß für die Volkspartei von 2006 bis 2017 im Nationalrat. Zu den Politikern, die einmal Journalisten waren, gehört auch die Vorarlberger Bildungslandesrätin Barbara Schöbi-Fink (58). In den 90ern arbeitete sie im aktuellen Dienst des ORF und moderierte die Sendung „Vorarlberg Heute“. 2000 wechselte Schöbi-Fink in die Feldkircher Stadtpolitik und 2014 in den Vorarlberger Landtag.

Landesrätin Schöbi-Fink arbeitete einst beim ORF.  VN
Landesrätin Schöbi-Fink arbeitete einst beim ORF. VN

Die niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (55) holte sich mit Christiane Teschl (45) die Chefredakteurin des ORF Niederösterreich in die Landesregierung. Das wohl bekannteste Fernsehgesicht, das die ÖVP abwarb, gehört aber Ursula Stenzel (73). Zehn Jahre lang war sie Delegationsleiterin im EU-Parlament und fast weitere zehn Jahre Vorsteherin des ersten Wiener Gemeindebezirks, bevor sie 2015 als unabhängige FPÖ-Kandidatin in Wien kandidierte, wo sie heute als nicht amtsführende Stadträtin tätig ist.

Von FPÖ bis Stronach

Von der ORF-Redaktion zur FPÖ kam auch Hans Kronberger (verstorben), der von Sendungen wie dem „Bürgerforum“ ins EU-Parlament wechselte. Die frühere ORF-Moderatorin Theresia Zierler (55) lieferte sich, wie auch Lucona-Aufdecker Hans Pretterebner (75), ein kurzes freiheitliches Zwischenspiel im Nationalrat. Sie wechselte später in den steirischen Landtag, wo sie sich 2005 dem BZÖ anschloss. Heute hat sie der Politik den Rücken gekehrt. Der frühere Sendungsverantwortliche der ORF-“Argumente“ Hans Jörg Schimanek (79) ist immer noch in der Politik. Er war der erste FPÖ-Landtagsabgeordnete in Niederösterreich. Jetzt führt er die Wiener Bezirksliste „Wir für Floridsdorf“ an.

 Stenzel war jahrelang bei der ÖVP. Jetzt ist sie bei der FPÖ.  APA
Stenzel war jahrelang bei der ÖVP. Jetzt ist sie bei der FPÖ. APA

Auch Christoph Waibel (54) vollzog den Seitenwechsel. Der frühere „Vorarlberg heute“-Moderator sitzt seit 2014 für die FPÖ im Vorarlberger Landtag und will dort bleiben. Bei der Wahl im Oktober unternimmt Waibel einen weiteren Anlauf.

Eine bekannte ORF-Größe zauberte das mittlerweile nicht mehr existente Team Stronach aus dem Hut. Die frühere Generaldirektorin Monika Lindner (74) zog ihre Nationalratskandidatur 2013 aber noch vor der Wahl zurück, obwohl sie bereits offiziell auf der Stronach-Liste stand. Ein Mandat hat sie also erhalten. Als „wilde Abgeordnete“ blieb sie aber nur kurz und trat noch vor Jahresende zurück.

 Journalistin Sibylle Hamann geht für die Grünen in die Wahl.  APA
Journalistin Sibylle Hamann geht für die Grünen in die Wahl. APA

Gleich zwei ZiB-Moderatoren holte sich die SPÖ ins Boot. Josef Broukal (72) galt bei den Sozialdemokraten als Ministerhoffnung, wurde aber enttäuscht. 2008 erklärte er das Ende seiner politischen Karriere. In den Ruhestand ging jetzt auch Eugen Freund (68), der für die SPÖ eine Legislaturperiode lang im EU-Parlament saß. Nicht zu vergessen ist der verstorbene Helmut Zilk. Der frühere ORF-Fernsehdirektor war von 1984 bis 1994 Wiener Bürgermeister.

Hans-Peter Martin kandidierte zuerst für die SPÖ, dann alleine.
Hans-Peter Martin kandidierte zuerst für die SPÖ, dann alleine.

Mit der SPÖ begann auch die politische Karriere des Vorarlberger Journalisten Hans-Peter Martin (61), der für die Roten 1999 in die EU-Wahl zog und 2004 mit einer eigenen Liste erfolgreich kandidierte. Mit ihm ging die einstige ZiB-Moderatorin Karin Resetarits (57), heute Karin Kraml, ins Rennen. Kurz darauf trennten sich ihre Wege. 2014 trat Hans Peter Martin nicht mehr an. Er arbeitet wieder als Journalist.