Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Hass im Netz: Alle tragen Verantwortung

05.08.2019 • 20:43 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Österreich, ein Land in Schwarz-Weiß. Ein Land, das sich mit einem Diskurs in Grautönen grundsätzlich schwer tut. Und dieses Problem der Debattenkultur hat sich seit den politischen Frontstellungen rund um die ehemalige türkis-blaue Regierung weiter verschärft. Die sozialen Medien sind dabei gerade im Wahlkampf ein immer beliebteres Spielfeld für den Ressentiment-Austausch. Da entstehen natürlich diverse Missverständnisse – was sendet man selbst aus, was kommt bei den anderen an? Wo endet zulässige Kritik, wo beginnt der Hass im Netz? Eine kleine Zusammenschau ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

1) Das Problem beginnt damit, dass man in sozialen Medien schnell etwas „liebt“ oder „hasst“. Eine präzisere Wortwahl kann helfen, nicht zu sehr in die Emotion zu kommen.

2) Manches, was heute unter Hass subsumiert wird, ist Kritik oder Antipathie. Es ist in Ordnung, die Texte von Journalisten nicht interessant zu finden, einen Politiker oder eine Politikerin nicht zu mögen. Die Frage ist nur, wie man das Missfallen formuliert – also eben nicht bösartig, niederträchtig oder ehrabschneidend.

3) Man muss nicht zu allem eine starke Meinung haben, man muss nicht jede andere Meinung kommentieren, man muss nicht immer alles besser wissen. Ja, manchmal kann Schweigen eine Lösung sein (schwierig, ich weiß).

4) Wenn ein Mensch im Netz fertiggemacht wird, der die Unterstützung anderer brauchen könnte, hilft positive Aufmerksamkeit für die Person mehr, als nur gegen die Angreifer zu schimpfen.

Öffentlichkeit, was ist das?

5) Jede und jeder trägt die Verantwortung für den allgemeinen Ton mit. Ein Mensch mit wichtiger Funktion, großem Account und viel Aufmerksamkeit kann allerdings ganz andere negative Energien gegen andere Menschen freisetzen, die in der Öffentlichkeit nicht diese Rolle spielen. So jemand sollte noch bewusster mit diesem Einfluss umgehen – was leider oft nicht der Fall ist.

6) Soziale Medien sind ein Teil der Öffentlichkeit und es ist überraschend, wie haltlos sich manche Profis aus dem politmedialen Komplex hier aufführen. Sie würden sich nicht auf die Straße stellen, rumbrüllen und andere offen beleidigen, im Netz tun sie es, da fehlt offensichtlich das Bewusstsein. Mehr über die eigenen Postings nachdenken oder heikle Ideen vorab vielleicht einer Vertrauensperson zeigen, das würde manch Irrsinn verhindern.

7) Soziale Medien sind nicht nur Nährboden für Aggressionen, sie bieten auch neue Möglichkeiten für Gegenöffentlichkeiten abseits der üblichen Mächtigen. Das ist positiv und bereichernd, wenn man dafür offen ist. Und man kann dabei gut üben, die eigenen Argumente zu schärfen, über andere Blickwinkel nachzudenken – und sich nicht so wichtig zu nehmen.

„Jede und jeder trägt die Verantwortung für den allgemeinen Ton in den sozialen Medien mit.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit ­Vorarlberger Wurzeln und lebt in Wien. Podcast: @ganzoffengesagt