Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Start der Politik-WM

06.08.2019 • 20:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Für Politik-Junkies brechen herrliche Zeiten an, die Fußball-WM-Zeiten ähneln. Kein mühsames Suchen mehr im TV-Programm nach abendlicher Unterhaltung. Die Spitzenkandidaten liefern Einzelauftritte und Duelle zuhauf auf allen Kanälen. Allein im September sind 18 Abende schon programmiert mit Hauen und Stechen der Parteien.

Ermüdungserscheinungen sind dabei nicht erlaubt. Die Kandidaten müssen ihre Botschaften Hunderte Male wiederholen, ohne das Publikum zu langweilen und ohne professionellen Beobachtern die Chance zu geben, einen Widerspruch in einem Halbsatz zu orten. Denn das Interesse ist da, 609.000 Österreicher lauschten etwa Anfang der Woche Maria Stern im ORF-Sommergespräch.

Es war ein sanfter Start mit einer Partei ohne Bedeutung und Zukunft, mit einer Kandidatin ohne Bekanntheit und politischer Vergangenheit. Und es wird wohl Sterns erster und letzter Auftritt gewesen sein. Die Jetzt Liste Pilz liegt bei Umfragen konstant unter den erforderlichen vier Prozent für den Wiedereinzug in den Nationalrat. Diesen Rückstand könnte ein fulminanter Wahlkampf eventuell noch wettmachen. Ein Drittel der Wähler ist noch unentschlossen und einige versprechen sich von den TV-Duellen eine Klärung.

Dazu wäre Peter Pilz mit seinen 33 Jahren Politik-Erfahrung sicher fähig. 2017 hat er seine neu gegründete Liste mit scharfem Wortwitz und politischem Instinkt eher unerwartet in den Nationalrat katapultiert und nebenbei seine Mutterpartei Die Grünen ins parlamentarische Aus befördert. Doch bald nach diesem Triumph begannen das Leiden mit den Vorwürfen wegen sexueller Belästigung gegen den Parteigründer (ohne Klärung bis heute) und personelle Turbulenzen in einer Gruppe aus vielen Individuen mit wenig Teamgeist.

Neun Mal hat nun Pilz noch Gelegenheit, all dies zu erklären und möglichst viele Wähler von der Notwendigkeit seiner Liste im Parlament zu überzeugen. Werner Kogler, sein Ex-Parteikollege, wird dies für die Grünen bis zum Finale am 29. September noch 14 Mal tun. Alle anderen Spitzenkandidaten flimmern mit ihren Anliegen und plakativen Beispielen noch mindestens 15 Mal über den Bildschirm in die Wohnzimmer ihrer potenziellen Wähler.

Trotz Match auf Facebook und Co um virtuelle Freunde und Likes, bleiben Auftritte im Fernsehen wahlentscheidend. Ob jemand mit Körpersprache oder durch rhetorische Kunst sympathisch rüberkommt, ist in Zeiten großer Wählerwanderung wichtig. Der Eindruck während des Auftritts entscheidet aber nicht allein. Auch was danach in Zeitungen wie hier in den VN darüber zu lesen sein oder mit Freunden und Arbeitskollegen diskutiert wird, lässt unsere Wahlentscheidung reifen. Denn anders als bei der Fußball-WM stehen wir alle am Spielfeld und entscheiden über den Endstand.

„Es war ein sanfter Start mit einer Partei ohne Bedeutung und Zukunft, mit einer Kandidatin ohne Bekanntheit und politischer Vergangenheit.“

Kathrin Stainer-Hämmerle

kathrin.stainer-­haemmerle@vn.at

FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin, lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.