Wähler sind längst nicht mehr treu

Politik / 12.08.2019 • 06:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bei der Nationalratswahl 2017 konnten die Neos 43 Prozent ihrer Wähler halten. Jetzt müssen sie sich um eine neue Wählerschaft bemühen. APA

Immer weniger Stammwähler. Vor allem für die Neos eine Herausforderung.

Johannes Huber

WIEN Bis in die 1980er-Jahre hinein waren ÖVP und SPÖ wirklich groß. Zusammen kamen sie immer wieder auf einen Wähleranteil von mehr als 90 Prozent. Kein Wunder: Wähler waren aus ihrer Sicht vor allem eines: treu und berechenbar. Arbeiter waren überwiegend rot, Selbstständige und Bauern schwarz. Das Wahlverhalten änderte sich kaum. 1983 habe der Anteil konstanter Parteiwähler 82 Prozent betragen, erläutert der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier. Heute seien sie in der Minderheit. Und das wiederum ist eine Erklärung dafür, dass Wahlkämpfe heftiger werden: Weil die Wähler beweglicher geworden sind, müssen sich Parteien immer mehr einfallen lassen, um möglichst viele zu gewinnen.

In den Wahltagsbefragungen, die das Sozialforschungsinstituts SORA regelmäßig durchführt, werden Stammwähler schon gar nicht mehr ausgewiesen. Stattdessen wird die sogenannte Behalte-Rate erfasst: Wie viele Wähler kann eine Partei gegenüber dem jeweils letzten Urnengang halten?

Aus dem Hohen Haus geflogen

Bei der Nationalratswahl 2017 schaffte es die ÖVP unter der Führung von Sebastian Kurz, 84 Prozent ihrer Unterstützer von der Nationalratswahl 2013 wieder an sich zu binden. Bei der EU-Wahl 2019 kam sie gegenüber der EU-Wahl 2014 gar auf eine Rate von 90 Prozent. Das war Teil ihres Erfolgs, wie Filzmaier bestätigt. SPÖ und FPÖ erreichten niedrigere Behalteraten. Bei der EU-Wahl kamen die Freiheitlichen in Folge der Ibiza-Affäre zuletzt nur noch auf 69 Prozent. Die Grünen, die damals ihr Comeback feierten, schafften 75 Prozent. Bei ihrem Absturz bei der letzten Nationalratswahl vor zwei Jahren waren sie dagegen nur noch von 25 Prozent ihrer Wähler aus dem Jahr 2013 unterstützt worden. Ergebnis: Sie flogen aus dem Hohen Haus.

Soziologische Gründe

Dass aus Stammwählern Wechselwähler geworden sind, habe vor allem soziologische Gründe, erläutert Filzmaier: „Die Bindung zu Organisationen ist überall deutlich geringer geworden. Dass man mit 16 irgendwo beitritt und bis ans Lebensende bleibt, ist selten geworden.“ Auch sonst sei viel in Bewegung gekommen: „Die simple Zuordnung nach Berufsgruppen funktioniert heute nicht mehr so.“ Grenzen zwischen Arbeitern, Angestellten, Bauern und Unternehmen hätten sich aufgelöst. Für neue Parteien ist das Chance und Herausforderung zugleich: Flexible Wähler sind zwar leichter zu holen, aber auch eher wieder weg. Beispiel Neos: Bei ihrer ersten Kandidatur im Rahmen der Nationalratswahl 2013 haben sie laut Filzmaier von einer Schwächephase der ÖVP profitiert und enttäuschte ÖVP-Anhänger gewonnen. 2017 konnten sie jedoch nur 43 Prozent ihrer Wähler halten. Sprich: Viele gingen verloren. Stattdessen wechselten jedoch frustrierte Anhänger der Grünen zu ihnen. Sie zu halten, wird bei der kommenden Nationalratswahl nicht einfach, nachdem sich die Grünen wieder erholt haben. Also müssen sich die Neos wohl wieder um eine ziemlich neue Wählerschaft bemühen.