Kaschmir auf des Messers Schneide

Politik / 18.08.2019 • 22:43 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Demonstranten protestieren gegen den Entzug der Autonomie. AFP
Demonstranten protestieren gegen den Entzug der Autonomie. AFP

Gefährliches Atomzündeln von drei Nuklearmächten.

srinagar Unterm Dach der Welt wird am Himalaya wieder geschossen: Die alte Zeitbombe Kaschmir tickt vernehmlich lauter. Dieser Konflikt geht – wie auch in Palästina und Zypern – auf Sünden der britischen Kolonialherrschaft zurück. „Kaschmir und Jammu“ ist ein Kunststaat, den die Engländer 1846 geschaffen haben. Nach ihrer bewährten Taktik, Juden gegen Araber, Griechen gegen Türken auszuspielen, machten sie einen Hindu zum Maharadscha des mehrheitlich islamischen Landes. Als daher 1947 bei der Teilung von Britisch-Indien in Pakistan und die Indische Union Randstaaten eigenständig blieben, war Kaschmir nicht so lebensfähig wie Ceylon und Burma. Pakistanische Stammeskrieger fielen ein und marschierten Richtung Hauptstadt Srinagar. Der letzte Maharadscha Hari Singh suchte in der Vereinigung mit Indien Rettung. Seitdem haben Islamabad und Delhi um Kaschmir zwei Kriege geführt, der dritte scheint jetzt bevorzustehen.

Anlass dafür ist die Streichung der Autonomie, die Srinagar seit seinem Anschluss mehrmals verbrieft wurde, aus der indischen Verfassung. Indien ist heute nicht mehr der tolerante, multireligiöse Staat, mit dem sich Kaschmir seinerzeit vereinigt hatte. Fanatische Polithindus haben den Geist eines Mahatma Gandhi in zwei großen Schüben ausgelöscht, vor 50 Jahren schon und zuletzt wieder. Ihr Regierungschef Narendra Modi fühlte sich nach neuerlichem überwältigenden Wahlerfolg stark genug, den Kaschmiris ihre Selbstverwaltung zu streichen. Er begründete das mit der Narrenfreiheit, welche die Autonomie den pro-pakistanischen Muslim-Separatisten von der „Armee Mohammeds“ (Dschaisch-e-Mohammad) gewähre. Die Autonomisten von Srinagar weisen hingegen darauf hin, dass Delhi Kaschmir ohnedies schon fest genug in der Hand hat: So gut wie der ganze Polizeiapparat und die Beamtenschaft setzen sich fast lückenlos aus Hindus zusammen.

Strom abgeschaltet

An der Aufhebung von Kaschmirs Selbstverwaltung entzündete sich am 5. August der akute Konflikt. Er flammte seitdem von anfänglich nur diplomatischen Protesten bis zu den schweren Feuergefechten vom Wochenende auf. Dazwischen hat Indien durch Stromabschaltung Kaschmir in Dunkelheit und ins Dunkel des Ausfalls sämtlicher Kommunikationen gestürzt. Das Blackout kann aber das Anhalten leidenschaftlich anti-indischer Demonstrationen nicht verhindern. Am Sonntag haben sich diese mit vielen Verletzten weiter verstärkt. Vor allem Pakistan rührt immer lauter die Kriegstrommel. Armeesprecher Asef Ghafur drohte mit „eindrucksvoller militärischer Reaktion“. Präsident Imran Khan beschwor aus Muzaffarabad im pakistanischen Teil von Kaschmir einen „Kampf bis ans Ende“. Angesichts solcher Drohungen hat Indien zusätzlich 80.000 Mann in seinen Landesteil verlegt. Da beide Seiten über Nuklearwaffen verfügen, verheißt das nichts Gutes. Umso mehr, als auch die Atommacht China in Teilen von Kaschmir präsent ist und das Zündeln mit der „Bombe“ verheerende Folgen haben kann.