Wen wählen?

Politik / 21.08.2019 • 20:45 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der Sommer geht zu Ende, der Wahlkampf beginnt. Und damit der innere Kampf der Wähler um die richtige Weichenstellung. Die österreichischen Wähler sind – nach Ibiza und dem peinlichen Absturz der letzten Regierung im Mai – ebenso wenig zu beneiden wie in Kürze wohl auch die britischen: Während auf den britischen Inseln die eine desaströse Option (Tories unter Boris Johnson) gegen das andere Desaster (Labour unter Jeremy Corbyn) zur Wahl steht und die Auflösung des United Kingdom längst kein Horrorszenario mehr ist, bietet Österreich trotz allem ein Bild der Stabilität.

Ein komplexes Bild allerdings aus Perspektive der Wähler. Wen wählen? Bei Strahlemann Kurz und seiner türkisen ÖVP ist der Lack ab – die Schredder-Affäre und die Fragezeichen hinter dem Thema Parteispenden lassen die einst groß verkündeten Zielsetzungen wie Transparenz und Sauberkeit in fahlem Licht erscheinen. Innerhalb der FPÖ beginnt der Dreikampf zwischen drei für die Wähler unattraktiven Figuren: dem nach der geplatzten Hofburg-Seifenblase doch ziemlich grauen Hofer, dem extremistisch agierenden Kickl und dem skandalträchtigen (und eher dümmlichen) Strache. Die SPÖ ist abgetaucht und bietet wenig erkennbares Profil. Bleiben die Kleinparteien Grüne und Neos, jeweils attraktiv für ein ziemlich genau definierbares Wählerpublikum – doch unattraktiv für jene, die (fälschlicherweise) eine Stimme für eine Kleinpartei als verlorene Stimme empfinden.

Wer in Österreich wählt, der wählt immer auch eine künftige Koalition – dies sollten sich Wähler und Wählerinnen stets vor Augen halten, auch wenn bei der Regierungsbildung stets mit Überraschungen gerechnet werden muss. Realistischerweise ist von zwei Varianten auszugehen: Eine Koalition der Kurz-ÖVP mit einer oder, wahrscheinlicher, beiden Kleinparteien – oder eine Neuauflage des schwarz-blauen Bündnisses. Da laut Wählerstrom­analyse bei den letzten Wahlen 84.000 Grün-Wähler und 60.000 Neos-Wähler zur Kurz-ÖVP übergelaufen sind, heißt dies: Für zahlreiche ÖVP-Wähler wäre eine Koalition mit diesen Parteien denkbar oder sogar attraktiv. 168.000 Stimmen kamen damals von der FPÖ und fast ebenso viele von den Rechtsparteien ÖVP und Team Stronach. Die Klima-Thematik hat inzwischen dem für die FPÖ zentralen Thema Flüchtlinge (bzw. Terrorismus) den Rang abgelaufen und die beiden großen Skandale haben die Freiheitlichen gründlich desavouiert. Wer jetzt von der FPÖ zur ÖVP wechselt, will bestimmt keine blau-schwarze Neuauflage. Bleiben die Kleinparteien als künftige Partner.

„Wer hier wählt, wählt immer auch eine künftige Koalition.“

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).