Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Pferderennen

Politik / 28.08.2019 • 08:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die einen werfen Pamela Rendi-Wagner Realitätsverweigerung vor, die anderen sehen puren Zweckoptimismus im Ziel der SP-Chefin, stärkste Partei zu werden. Tatsache ist, die Wahl findet in 32 Tagen statt und erst dann wissen wir, wer mit welchem Abstand auf Platz 1, 2 oder 3 gelandet ist. Davor ist jede Spekulation eben nur reine Spekulation. Was allerdings keinen Wahlkämpfer, Politikkommentator oder Journalisten davon abhalten wird, auch die nächsten vier Wochen über den Ausgang der Wahl zu mutmaßen.

Horse Race Journalism, Pferderennen-Berichterstattung, nennt sich das Phänomen. Nicht über Themen oder Programme wird berichtet, sondern wer diese Woche die Nase vorne hat oder wer gerade an Boden (bzw. Wähler) verliert. Mit den wenig erfreulichen Parteiwerten konfrontiert, antwortet Rendi-Wagner stets mit dem Standardsatz, dass Umfragen reine Momentaufnahmen sind. Sie hat recht. Bei Wahlen diesen Sonntag würden wahrscheinlich 35 Prozent die ÖVP, jeweils 20 die SPÖ oder die FPÖ und 12 die Grünen bzw. 9 Prozent die Neos wählen. Sicher ist das zwar nicht, doch niemand kann das Gegenteilt beweisen.

Aber die Wahl findet am 29. September statt und bis dahin verändert sich jeden Tag unser Wissensstand und unter Umständen auch unsere Wahlentscheidung. Besonderes Pech hatten übrigens jene Briefwähler, die neun Tage vor der EU-Wahl ihre Stimme bereits abgeschickt hatten. Das Ibiza-Video erschien am Abend des 17. Mai und nicht wenige Bürger wünschten am nächsten Tag ihr Kuvert zurück. Selbstverständlich ohne Erfolg.

Ibiza hat gezeigt, dass sich über Nacht unsere Entscheidungsgrundlagen verändern können. Ständigen Einfluss nehmen aber Kampagnen. Da geht es nicht um einzelne Plakate oder Werbevideos von prominenten Schauspielerinnen. Da reicht nicht die tägliche Aufregung um Mindestlohn, CO2-Steuer oder Parteispenden. Entscheidend wird sein, welche Spitzenkandidaten uns Hoffnung vermitteln können mit einer überzeugenden Zukunftserzählung und wer den Wunsch der Österreicher nach einem bestimmten Politikstil am besten trifft.

Das Strickmuster ist einfach: Es muss spannend bleiben.

Das Pferderennen lenkt ab von der wichtigen, aber anstrengenden Auseinandersetzung zu Fakten, Daten und Zahlen sowie über Werte, Alternativen und Konsequenzen. Denn das Strickmuster ist einfach: Es muss spannend bleiben. Die Wähler bekommen das Gefühl, es gehe um jede Stimme. So hat die ÖVP kein Interesse, schon als Sieger dazustehen, wähnen sich die Grünen alles andere als sicher im Parlament, muss die FPÖ vor einer schwarz-grünen Mehrheit warnen und die SPÖ eben Anspruch auf Platz Eins stellen. Obwohl noch nie ein 15-Prozent-Abstand in der Zweiten Republik aufgeholt werden konnte. Andererseits gelang Gerhard Schröder mit der SPD in Deutschland 2005 beinahe dieses Kunststück. Er holte über drei Monate beinahe 20 Prozent auf.