Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Wir könnten Klimakitter sein

Politik / 30.08.2019 • 19:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Alle sind jetzt Klimaretter, scheint’s. Es findet sich keine wahlwerbende Gruppe, bei der Klimaschutz nicht irgendeine Rolle spielt. Sebastian Kurz hat das Thema zur Chefsache erklärt (klingt gut!), Pamela Rendi-Wagner betonte, bei FridaysForFuture mitgelaufen zu sein, selbst der Chef der FPÖ, Norbert Hofer, legte ein Bekenntnis zum menschengemachten Wandel ab. Und die Grünen? Denen bleibt die “Wer hat’s erfunden?”-Gewissheit und die Einsicht, dass nicht einer ihrer Partei-Strategen, sondern die 16-jährige Aktivistin Greta Thunberg die Klimafrage zum Thema für alle gemacht hat.

Minus-CO2 als Ziel

Forscher sind da naturgemäß weiter als die Politik. Wer mit dem kalifornischen Physik-Nobelpreisgträger Steven Chu spricht, spürt innert Minuten, dass all das Gerede und das bisher ins Auge Gefasste nicht ausreichen. Chu ist kein Fantast, er war unter Obama immerhin Energieminister.
Um den Temperaturanstieg bei dem Ziel der Vereinten Nationen von +2 Grad Celsius halten zu können, benötigen wir ab dem Jahr 2080 negative Emissionen. Was heißt das? Nun, dass weltweit mehr CO2 gebunden, eingefangen wird, als ausgestoßen wird, rechnet der Stanford-Professor vor. China, Russland und alle Schwellenländer inklusive. Um’s schwerer zu machen: Die Weltbevölkerung könnte 2080 nach besten Prognosen von 8 Milliarden auf 11 Milliarden ansteigen.
Für Hochtechnologie-Innovationen braucht es die Industrie, die Wirtschaft. Es ist also kein Entweder-Oder, kein Wirtschaft oder Umwelt – sondern nur Hand in Hand kann grüne Technologie funktionieren. Das hat in unserem Nachbarbundesland Baden-Württemberg der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann früh verstanden – und musste sich zunächst haufenweise Kritik auch aus den eigenen Reihen gefallen lassen.

Vorarlbergs große Chance

Österreich, insbesondere Vorarlberg, kann eine Vorreiterrolle übernehmen. Denn es gibt Dinge, die alle tun können – wie Änderungen, die bei der Land- und Forstwirtschaft nötig sein werden. Mit 26 % laut Chu das größte CO2-Problem, vor allem wegen der Fleischindustrie. Und dann gibt es etwas, das nur ganz wenige auf dieser Welt können: erneuerbare Energien brutal effektiv speichern. Am besten geht das derzeit mit Pumpspeicher-Kraftwerken. Also exakt jenen Dingern, die die Illwerke VKW ins Montafon eingebaut haben – Kops II und das heute zu besichtigende Obervermuntwerk II.

Vorarlberg mit den Illwerken und Österreich mit dem Verbund sitzen auf einer Schlüsseltechnologie: Wasserkraft. Für uns selbstverständlich, für die meisten anderen auf diesem Planeten nicht. Vorarlberg ist nicht mehr weit davon entfernt, 100% des Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien zu decken – und muss dieses Tech-Know-How weltweit exportieren. China, zum Beispiel, wird Pumpspeicherkraftwerke in den kommenden Jahrzehnten dramatisch ausbauen.
Für Vorarlberg könnte der Klimawandel und die zu dessen Eindämmung benötigte Technologie eine unglaubliche Chance sein. Es gilt, das Entweder-oder zwischen Wirtschaft und grünem Denken auch im Alltag zu überwinden und zu einem Sowohl-als-auch zu formen. Das ist übrigens das, was eine schwarz-grüne Koalition durchaus leisten könnte, ja muss. Landeshauptmann Markus Wallner und sein Regierungspartner Johannes Rauch haben das bislang leider (noch) nicht geschafft.

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.
Twitter: @gerold_rie