Warum Kurz erfolgreich ist

Politik / 01.09.2019 • 15:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Sebastian Kurz hat laut Albrecht alle wesentlichen rhetorischen Regeln verinnerlicht. APA

Kommunikationsexperte sieht in der Redekunst einen entscheidenden Grund.

Johannes Huber

WIEN Der Wiener Kommunikationsexperte Thomas Wilhelm Albrecht findet es auch ein bisschen merkwürdig: Politik ist vor allem auch Redekunst, gilt es zunächst doch, eine Mehrheit zu überzeugen und Wahlen zu gewinnen. Dazu nötig ist rhetorisches Geschick, das man sich durchaus aneignen kann. Auf Bundesebene hat laut Albrecht aber nur ein Mann alle wesentlichen Regeln verinnerlicht: ÖVP-Chef Sebastian Kurz. „Ich glaube, das erklärt seinen Erfolg zu einem großen Teil“, so der Experte im Gespräch mit den VN.

Zur Nationalratswahl hat der 54-Jährige ein Buch geschrieben. Titel: „Die Rhetorik des Sebastian Kurz.“ Untertitel: „Was steckt dahinter?“ Wobei er einiges vorausschicken muss. Mit einer guten Rede ist es demnach zum Beispiel wie mit einem Wein. Ja, mit einem Wein: Es kommt immer auch auf den Rahmen an. Im Urlaub schmeckt der gleiche Tropfen anders als wenig später zu Hause. Oft ist die Enttäuschung groß. Oder: Wein aus einem Bierkrug vermag nur selten zu munden. Zur Entfaltung gelangt er ausschließlich im passenden Glas.

Doch zurück zur Redekunst: Wichtig ist nicht nur, was man zu sagen hat, sondern auch, wie man es tut. Und hier ist laut Albrecht schon einmal auffallend, dass Kurz sehr konzentriert auftritt und ganz bei sich und dem Publikum ist, an das er sich wendet; dass er sich immer bei jemandem bedankt und meist fehlerfrei in verständlicher Sprache spricht. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Albrecht vergleicht dazu die Reden zum Misstrauensvotum gegen den damaligen Kanzler und dessen Kabinett am 27. Mai. SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner ist da ein peinlicher Fehler unterlaufen: „Ihre Vorgangsweise ist einzigartig in der Geschichte der 2. Republik“, wetterte sie an die Adresse von Kurz gerichtet: „Es ist ein schamloser, es ist ein zügelloser und verantwortungsvoller Griff nach Macht, den wir hier sehen.“ Gemeint hatte sie natürlich eine verantwortungslose Vorgangsweise. Gesagt hatte sie aber das Gegenteil davon. Und zumal sie es nicht klarstellte, blieben die Zuhörer irritiert zurück.

Natürlich: Das kann passieren. In einer guten Rede sollte es jedoch nicht vorkommen und im Übrigen gehört noch mehr dazu. Sie sollte vor allem auch Antworten auf vier Fragen liefern: Warum, was, wie und was-wenn bzw. die Konsequenzen? Das Ergebnis ist im Idealfall, dass nichts offen bleibt und alles logisch erscheint. Kurz befolgt das laut Albrecht. Viele andere Politiker würden dagegen eher nur beim Was-Teil hängen bleiben, also beim Schildern von Problemen.

Zwischendurch weist der Kommunikationsexperte darauf hin, dass es in seiner Analyse nicht um politische Inhalte geht. Albrecht sagt also nicht, „was Kurz will, ist gut und was andere wollen, ist schlecht“. Es gehe ihm einzig und allein um die Redekunst, wie er betont.

Der ehemalige und wohl auch künftige Bundeskanzler beherrscht sie offenbar. Und zwar so sehr, dass damit auch ein Risiko einhergeht: Kurz verspricht Transparenz und Offenheit. Im Sommer sind jedoch Dinge bekannt geworden, die dem widersprechen. Stichwort Schredder-Affäre, Stichwort Spendenstückelung, um die Zuwendungen nicht gleich über den Rechnungshof veröffentlichen zu müssen. Zweifellos könne hier eine große Kluft entstehen zwischen dem, was Kurz sagt und dem, was in seinem Verantwortungsbereich passiert, bestätigt Albrecht. Es gelinge dem 33-Jährigen und seinen Leuten jedoch sehr gut, zu vermitteln, dass er persönlich mit allfälligen Missständen nichts zu tun hat. So zeigte er selbst sogar Verständnis für Kritik an seinem Mitarbeiter, der Festplatten zerstören ließ und sprach von „Schlamperei“.

Thomas W. Albrecht: „Die Rhetorik des Sebastian Kurz. Was steckt dahinter?“
Goldegg-Verlag, 304 Seiten, 22 Euro.