Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Die Koalition als Ehe, ein Missverständnis

Politik / 02.09.2019 • 22:33 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Norbert Hofer sitzt mit Sebastian Kurz bei einer Paartherapeutin. Nein, das ist kein schwacher Witz, sondern das aktuelle Wahlkampf-Video der FPÖ. Mit einem echten Norbert Hofer, der bei einem Sebastian Kurz-Hinterkopf-Double um die Fortführung der türkis-blauen Beziehung nach der Wahl wirbt, man wäre neben der Botschaft (Wir waren super, bitte lasst uns weiterhin super sein!) so gerne auch etwas selbstironisch. Was leider nicht ganz gelingt, im Wahlvideo-Fach fehlt der Partei Heinz-Christian Straches Freude am Schauspiel. Das Politiker-Paar als Ehe-Paar darzustellen ist jedenfalls ein alter Schmäh, dessen manche im politmedialen Spiel nie überdrüssig werden.

Die Koalition als Ehe, ein großes Missverständnis. Besonders schwierig wird es, wenn ein Mann und eine Frau dieses Doppel bilden. Was man gerade zu Beginn der ersten rot-grünen Koalition in Wien 2010 an fragwürdigen Ehe-Klischees für Michael Häupl und Maria Vassilakou verwendet hat, es ist heute noch peinlich. Jahre später habe ich einmal in einer Häupl-Vassilakou-Foto-Strecke versucht, die Politik-Beziehungs-bilder wie in einer „Bravo“-Foto-Love-Story zu ironisieren, und das Einzige, was daran Witz hatte, waren ehrlicherweise die Fotos selbst.

Alles eine Frage der Macht

Also das Koalitionsthema lieber nüchtern betrachten. Politische Beziehungen sind Zweckgemeinschaften und haben wenig mit Sympathie zu tun – und auch wenn die ehemalige türkis-blaue Koalition uns so eine harmonische Partnerschaft darbot, weiß man ja mittlerweile, was man Ende 2017 auch schon hätte wissen können: Da ging es um gut gemachte PR, nicht um Freundschaften. Es gibt im politischen Betrieb keinen Anspruch auf Kuschelzonen, nur auf möglichst professionelle Zusammenarbeit, mit dem theoretischen Anspruch, gemeinsam etwas für das Land weiterzubringen. Bei all den Koalitionsratespielen geht es primär um die Frage, wer politisch, strategisch zusammenpasst und nicht, wer sich emotional am nächsten steht. Emotionen sind nur dann – möglicherweise – bestimmend, wenn zwei Parteien sich wirklich feindlich gesinnt sind, wie die langjährigen Koalitionspartner ÖVP und SPÖ. Das heißt allerdings nicht, dass nicht auch erklärte Feinde nach einer Wahl gemeinsam in einer Koalition sitzen. Am Ende alles nur eine Frage der Macht.

Werner Faymanns einst erfolgreicher Slogan „Genug gestritten“ oder das türkis-blaue „Wir streiten nicht“-Mantra sollten für Wähler und Wählerinnen kein Kriterium sein. Mehr kultivierter politischer Streit, mehr niveauvoller gesellschaftlicher Disput wäre gerade im eher konfliktscheuen Österreich wichtig. Ja, wir streiten manchmal, und das ist auch gut so – so etwas würde ich gerne von der nächsten Koalition hören.

„Es gibt im politischen Betrieb keinen Anspruch auf Kuschelzonen, nur auf professionelle Zusammenarbeit.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit ­Vorarlberger Wurzeln und lebt in Wien. Podcast: @ganzoffengesagt