Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Zeitenwende

Politik / 10.09.2019 • 20:41 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Auch wenn im Wahlkampf nur wenig Zeit bleibt für historische Rückschau, lohnt es sich zu erinnern, was heute vor 18 Jahre geschah. 9/11 gilt seit 2001 als Metapher für eine Zeitenwende. Als zwei Verkehrsmaschinen in die Twin Towers in Manhattan rasten und insgesamt 2996 Menschen in den Tod rissen, wurden zwei Dinge deutlich: Auch die USA (und damit eigentlich wir alle) sind verwundbar, und kriegerische Angriffe finden nicht mehr zwischen Staaten statt, sondern erfolgen durch terroristische Gruppen.

9/11 veränderte unsere Gesellschaft. Statt Freiheit und Wohlstand rückte Sicherheit an die erste Stelle. Das war doch überraschend, weil in diesen Tagen vor erst 30 Jahren sich der Eiserne Vorhang in Ungarn öffnete und damit den Niedergang der DDR und in weiterer Folge der Sowjetunion einläutete. Viele Menschen jubelten damals über die gewonnene Freiheit. Heute sind die meisten von Unsicherheit ergriffen, viele fühlen sich schutz- und einflusslos. Warum das vor einer Wahl wichtig ist? Weil es den Ausgang beeinflusst. Hier und in anderen Ländern, mit denen wir – das wissen wir inzwischen auch – eng verflochten sind.

Doch Antworten darauf bieten die Parteien nur wenige. Sie stilisieren sich lieber selbst als Opfer von Hackern, Eliten und ausländischen Mächten. Sie entschuldigen ihr Verhalten selbst mit Unwissenheit, wenn sie etwa bei Demos Reden schwingen wie die Wiener FP-Stadträtin Ursula Stenzel oder rechten Blättern Interviews gewähren wie der Tiroler SP-Chef Georg Dornauer oder VP-Klubobmann August Wöginger. Dass sie damit jegliches Vertrauen verspielen, wundert außer den Parteien selbst eigentlich niemanden.

Was sich die Wähler wünschen? Neben sachlichen Debatten vor allem eine andere Grundstimmung. Wahlkämpfe sind in erster Linie Wettbewerbe um Vertrauen und Kompetenzzuschreibung. Das Rezept dazu? Klares Ansprechen und Erklären von Problemen statt nebulöser Floskeln. Vernetztes, europäisches und globales Denken statt Angst vor Neuem und Fremden. Herausstreichen von Chancen und Optimismus statt rückwärtsgewandter Realitätsverweigerung. Bewahrung moralischer Integrität statt mit dem Zeigefinder auf die anderen deuten. Mehr Reflexion statt Reflexe.

Trotz nationalem Wahlkampf lohnt heute auch ein Blick nach Brüssel. Ursula von der Leyen hat es geschafft als erste Frau an der Spitze der Europäischen Kommission zu stehen und ein Team mit zwölf weiteren Frauen zu bilden. Frauen sind nicht per se die besseren Politiker. Aber hoffen wir, dass dies in einigen Jahren ebenfalls als Zeitenwende gesehen wird. Eine, die uns weitere 70 Jahre Frieden, Wohlstand und eine intakte Umwelt gesichert hat.

„Was sich die Wähler wünschen? Neben sachlichen Debatten eine andere Grundstimmung.“

Kathrin Stainer-Hämmerle

kathrin.stainer-­haemmerle@vn.at

FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin, lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.