Peter Schröder

Kommentar

Peter Schröder

Die „Hans im Glück“-Politik

Politik / 16.09.2019 • 06:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die europäischen Währungshüter und der amerikanische Präsident sind einer Meinung: „Leute, legt euer Geld nicht auf die Hohe Kante“, posaunen sie. „Gebt soviel aus wie ihr könnt und macht Schulden bis zum Abwinken. Denn das kurbelt die Konjunktur an, sichert und schafft Arbeitsplätze, und schaufelt jede Menge Geld in die Regierungskassen“.

Die schlimmen Schattenseiten der Sirenenklänge verschweigen die Turbo-Konsum-Propagandisten aber geflissentlich: Wer das Sparen nicht lassen kann, wird kalt und klammheimlich peu-a-peu enteignet. Und viele der zum Geldverschleudern Verführten haben dann – weil Sparkonto amtlich geplündert oder auch gar nichts gespart – spätestens im Alter nichts mehr zum Beißen.

Die Rede ist von den Negativzinsen, die von der Europäischen Zentralbank gerade von 0,4 auf 0,5 Prozent angehoben wurden. Der nicht immer kohärent denkende Trump kritisiert die Euro-Entscheidung aufs allerschärfste -weil schädlich für die US-Konjunktur und seine Wiederwahlchancen. Und fordert von der US-Zentralbank rüde die gleiche Negativzins-Politik.

Das Ganze ist ja auch etwas kompliziert: Unbeschwert konsumieren, möglichst gar nichts sparen und nicht an Morgen oder Übermorgen denken, hat wirklich eine gute Seite: Hoch lebe die angekurbelte Konjunktur. Wenn da nur nicht die Schattenseite wäre: Wer aber spart und nicht ausgibt soviel er kann, wird nicht belohnt, sondern zur Kasse gebeten: Sparer bekommen am Ende weniger Geld zurück als sie eingezahlt haben.

Dazu kommt eine Geldentwertungs-Zusatzstrafe. Auch Inflation oder Teuerungsrate genannt. Die Sache funktioniert dann etwa so wie in der Gebrüder-Grimm-Geschichte vom „Hans im Glück“: Das ursprüngliche Sparer-Gold wird immer weniger und mutiert zum Mühlstein um den Hals.

Über diese traurige Geschichte reden die kurzfristige Wirtschaftsziele anpeilenden Negativzins-Populisten aber nicht. Denn wer viel Geld hat und durch brummende Konjunktur noch viel dazu bekommt, wird von der Niedrig- und Negativzins-Chose und auch vom Inflationsgedöns nicht belästigt.

Denn die Konjunkturgewinnler können ihre Schäfchen und Scherflein ins Trockene bringen und ganz legal im großen Geld-Kasino zocken: Euros oder Dollars in andere Währungen umrubeln, in Steuerparadiesen parken, dort bei weiterhin Zinsen zahlenden Banken unterbringen, oder in fremden Ländern investieren und die dortige Konjunktur ankurbeln und verdienen. Wer viel hat, dem wird viel gegeben.

Damit werden am Ende auch die Lobpreisungen für die angeblich segensreiche Niedrig- und Negativzins-Politik als Mogelpackung entlarvt. Aber auch das wird nicht an die große Glocke gehängt. Warum eigentlich nicht? Weil’s ja nur die „kleinen Leute“ trifft?