Vorarlberger in Hongkong: „Zwei verschiedene Welten“

Politik / 16.09.2019 • 14:15 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Zuletzt setzte die Polizei Tränengas und Wasserwerfer ein, als Demonstranten Steine und Brandsätze auf Beamten warfen. Der Bregenzer Roland Güttler kennt die Situation vor Ort. AFP

Vorarlberger Geschäftsmann sieht Proteste in Hongkong mit gemischten Gefühlen.

hongkong Die Demonstrationen in Hongkong finden kein Ende. Seit Wochen gehen die Menschen auf die Straße, teils gibt es Hunderttausende bis zu einer Million Teilnehmer. Entzündet haben sich die Proteste an einem umstrittenen Gesetz für Auslieferungen nach China; es wurde angesichts des massiven Widerstandes zurückgezogen. Doch die Demonstranten machen weiter: Sie fürchten den wachsenden Einfluss Pekings auf die frühere britische Kronkolonie.

Einer, der Hongkong bestens kennt, ist der Kaufmann und Hotelbesitzer Roland Güttler (74). Schon seit 38 Jahren lebt und arbeitet Güttler in der Siebeneinhalb-Millionen-Einwohner Metropole. „Letztens waren die U-Bahn-Stationen gesperrt und meine Frau und ich sind eineinhalb Stunden zu spät ins Büro gekommen“, erzählt Güttler, dem in Bregenz das Hotel „Bodensee“ gehört. In Hongkong ist er als selbstständiger Kaufmann tätig. Er handelt vor allem mit Werbegeschenken, etwa Glastrophäen, Pokalen und Modeschmuck aus chinesischer Produktion.

Vorwand vermutet

Güttler sieht die Proteste mit gemischten Gefühlen. „Zunächst ging es um das Auslieferungsgesetz. Mittlerweile ist nur noch die Rede von Demokratie.“ Dabei sei gar nicht geklärt, was sich die Menschen darunter vorstellen. „Welche Form der Demokratie wünschen sie sich denn? Sagen Sie einem Schweizer, dass er sich eine deutsche Demokratie aneignen soll. Oder sagen Sie einem Deutschen, dass er eine US-amerikanische Demokratie braucht. Das werden sie nicht wollen.“ In Hongkong sei der Ruf nach Demokratie eher ein Vorwand, glaubt der Geschäftsmann. „Der logische nächste Schritt für die Demonstranten ist, dass sich Hongkong vollkommen von China abtrennen soll. Das wurde zwar noch nicht so deklariert. Aber darum geht es.“

Ein Land, zwei Systeme

Seit der Rückgabe an China im Jahr 1997 wird die frühere britische Kolonie mit eigenem Grundgesetz nach dem Prinzip „ein Land, zwei Systeme“ autonom regiert. Zwar steht Hongkong unter chinesischer Souveränität. Anders als die Menschen in der Volksrepublik haben die rund siebeneinhalb Millionen Hongkonger aber mehr Rechte, wie etwa Vereins- oder Versammlungsfreiheit. „Es sind zwei verschiedene Welten“, sagt Güttler. Das zeige sich schon an den Grenzstellen, die ihn an die früheren Übergänge zwischen West- und Ostdeutschland erinnerten. Das südliche China könne man sich in etwa so vorstellen wie Hongkong vor 40 Jahren. „Damals hat man begonnen, in China zu investieren. Sehr viele Firmen wurden dorthin verlegt“, schildert Güttler. Daraufhin wurde Hongkong zur Verwaltungsstadt. „Wir schreiben die Rechnung, China macht die Arbeit.“

Die Konkurrenz wurde härter. Und die jungen Leute merken das.

Roland Güttler, Kaufmann und Hotelbesitzer

Allerdings wandle sich das Verhältnis zunehmend. „Die Festland-Chinesen bauen mittlerweile ihre eigenen Firmen, und sind den Hongkong-Chinesen schon in vielen Bereichen überlegen. Im südlichen China findet man eine Menge alter Hongkonger Fabriken. Daneben stehen supermoderne chinesische Unternehmen.“ Für den Hotelbesitzer und Geschäftsmann erklärt sich aus der gewandelten Situation die Ratlosigkeit vieler Hongkonger. „Die Konkurrenz wurde härter. Und die jungen Leute, besonders die Universitätsabgänger, merken das stark.“ Dabei sei China für die weitere Entwicklung maßgeblich. „Die Stadt ist ja nicht nur für Hongkong-Chinesen ein Finanzzentrum, sondern auch für Festland-Chinesen.“

Dass Peking angesichts der Proteste militärisch hart durchgreifen könnte, glaubt Güttler nicht. „Das müsste sich schon zu einer großen Revolution entwickeln. Außerdem läge es an der Hongkonger Regierung, Truppen aus China anzufordern.“ Davon abgesehen stünde China zum aktuellen Zeitpunkt unter weltweiter Beobachtung. Ein zweites Tian’anmen-Massaker könne sich die Führung in Peking unter diesen Umständen nicht erlauben. Auf dem „Platz des himmlischen Friedens“ in Peking hatten chinesische Truppen 1989 eine Demokratiebewegung gewaltsam niedergeschlagen. Von einer ähnlichen Entwicklung gehe derzeit auch in Hongkong kaum jemand aus, sagt Güttler. China versuche vielmehr, über wirtschaftliche Maßnahmen, etwa den Tourismus, Druck auszuüben.

Trotz seiner grundsätzlichen Kritik an der Protestbewegung hat der Kaufmann kein Problem mit jenen Mitarbeitern aus seiner Firma, die selbst regelmäßig an Demonstrationen teilnehmen. „Warum auch? Jeder hat das Recht zu glauben, was er will“, ist der 74-Jährige überzeugt. „Ich sage ihnen am Wochenende immer: Lasst euch auf keinen Blödsinn ein. Und kommt am Montag wieder gesund zurück ins Büro.“

Hongkong

Die frühere britische Kronkolonie Hongkong wird seit 1997 unter der Souveränität Chinas als eigenständiges Territorium mit einem eigenen Grundgesetz nach dem Grundsatz „ein Land, zwei Systeme“ autonom regiert. Es handelt sich um eine chinesische Sonderverwaltungszone mit einer freien Marktwirtschaft und hoher innerer Autonomie. Regierungschefin Carrie Lam, seit 1. Juli 2017 im Amt, wurde von einem mehrheitlich pekingtreuen Wahlkomitee gekürt.