Churchills goldenes Klo

Politik / 18.09.2019 • 22:48 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Als ob die leidgeprüften Briten nicht schon genug Sorgen hätten mit dem selbstverschuldeten Brexit-Desaster: Jetzt ist auch noch das goldene Klo abhanden gekommen. Die britischen Inseln waren immer schon ein Paradies für Liebhaber des Skurrilen, altehrwürdiger Traditionen, verstaubter Sitten und absurder Gebräuche. Doch in diesen Tagen des unerbittlich tickenden Brexit-Countdowns erscheint alles nur noch surrealer. So im Blenheim-Palast, dem Familiensitz Winston Churchills aus dem 18. Jahrhundert, heute bewohnt vom 12. Herzog von Marlborough, Unesco-Weltkulturerbestätte, Kulisse für einen James-Bond-Thriller. Dort stellt gegenwärtig der italienische Konzeptkünstler Maurizio Cattelan seine satirisch gemeinten Werke aus.

Neben einem überdimensionierten Union-Jack-Teppich im Schlosshof, einem von der Decke hängenden ausgestopften Pferd in der Portraitgalerie und einem verzerrten Konterfei Adolf Hitlers begeisterte sämtliche Besucher die neben dem einstigen Schlafzimmer Winston Churchills installierte, voll funktionsfähige Toilette aus solidem, 18 karätigem Gold. Betitelt „America 2016“ nimmt das Werk unverkennbar die Wahl Trumps zum US-Präsidenten aufs Korn. Die schockierte Nation brach in hämisches Gelächter aus, als über Nacht das auf 4,8 Millionen Pfund Sterling geschätzte Objekt spurlos verschwand – und, brutal aus der Verankerung gerissen, im prachtvollen Palast eine kleine Überschwemmung verursachte. Das Kunstwerk dürfte sich als unwiederbringlich erweisen – da vermutlich von den Gangstern längst eingeschmolzen. Edward Spencer-Churchill, der Halbbruder des Herzogs und Gründer der Blenheim Art Foundation, hatte auf jegliche Überwachungsmassnahmen für das kostspielige Kunstwerk verzichtet, da ja wohl niemand auf die Idee kommen werde, so etwas unappetitliches wie eine Toilette zu klauen. Aber die war ja aus Gold – und: „non olet“, wussten schon die alten Römer.

Ähnlich schulterzuckend und ahnungslos ist diese ganze Nation in den Brexit-Prozess gerasselt. Der vorläufig letzte Akt des Dramas spielte sich jüngst im kleinen Luxemburg ab – und erhielt sofort das Etikett „Podiumgate“. Xavier Bettel, der Regierungschef des winzigen Großherzogtums, verwies im Chor der Buhrufe von Brexit-Gegnern ironisch auf das leere Podium neben ihm und erteilte dem – dort nicht vorhandenen britischen Premier Boris Johnson – das Wort. Dieser hätte ja auch nichts zu sagen gehabt. Denn er hat nicht nur die Queen angelogen, sondern, einmal mehr, die ganze Nation: Die neuen Brexit-Verhandlungen, die in vollem Gange seien und angeblich flux zu einer überraschenden Lösung führen sollten, gibt es gar nicht. Oder: nicht mehr. Wie Churchills goldenes Klo.

„In diesen Tagen des Brexit-Countdowns ist alles nur noch surreal.“

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).