Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

CO2 stinkt nicht

Politik / 20.09.2019 • 18:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Unterstützung von 32 Staatschefs hat Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen mit im Gepäck, wenn er ab diesem Wochenende in der US-Ostküstenmetropole New York am UN-Klimagipfel teilnimmt. Kern der von ihm lancierten Initiative: Klimaschutz schneller vorantreiben.

Um die menschengemachte Erderwärmung zu beeinflussen und unter den berühmt-berüchtigten +2 Grad zu halten, sind jetzt Maßnahmen notwendig, die nicht allen gefallen werden. Wir alle – ob es uns gefällt oder nicht – werden uns mit der Klimakrise über Stammtischdiskussionen hinaus beschäftigen, unser Verhalten ändern und Neues ausprobieren müssen. Allesamt keine Themen, mit denen Politiker bislang Wahlen gewinnen konnten.

„Wer auf der Autobahn von Feldkirch nach Bregenz fährt, produziert rund sechs Kilo CO2. Sieht man nicht, spürt man nicht. Kurzfristig.

Was heute kein Wissenschaftler genau weiß: ab wann der Klimawandel unumkehrbar ist, ab wann verhängnisvolle Kettenreaktionen eintreten, die eine Beschleunigung der Erwärmung verursachen. Das Abschmelzen des Grönland-Eises könnte so ein Kipp-Punkt sein. Bis zu sieben Meter würde der Meeresspiegel ansteigen, die Folgen für Häfen, Küstengebiete, Industrie, Länder, Inseln – mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen.

Die Klimakrise ist zur existenziellen Frage geworden. In einem deutlich wärmeren Österreich mag der Meeresspiegel nicht direkt ein Problem sein, Vermurungen oder schlichtweg unbewohnbare Gebiete sind es sehr wohl.

Es hilft einzig die Verringerung der Ausstoßes von Treibhausgasen, allen voran Kohlendioxid. Das Problem daran ist, dass die Allerwenigsten von dem geruchlosen, farblosen CO2 eine Ahnung haben. Wer auf der Autobahn von Feldkirch nach Bregenz fährt, produziert rund sechs Kilo CO2. Sieht man nicht, spürt man nicht. Kurzfristig.

Es sind nicht nur nette Schülerproteste, die Greta Thunberg da weltweit losgetreten hat. Es handelt sich um den verzweifelten Aufschrei, dass Politik und Wirtschaft bislang die Klimakrise nicht ernst genug genommen haben. Hier zeichnet sich nun ebenfalls ein Kipp-Punkt ab.

Denn Klimaschutz muss nicht bis 2050 oder 2100 passieren. Wir müssen jetzt handeln, in engeren Zeiträumen denken und uns mehr zutrauen.

Übrigens, im Jahr 1900 gab es in New York noch keine Autos, nur Kutschen, gezogen von insgesamt 160.000 Pferden. Nur 13 Jahre später waren auf der 5th Avenue und sonstwo nur mehr Autos mit Verbrennungsmotoren unterwegs, keine Pferde mehr. Warum der Wechsel damals so schnell ging, obwohl man asphaltierte Straßen, Tankstelleninfrastruktur und vieles andere brauchte?

Die 160.000 Pferde produzierten täglich 1500 Hektoliter Urin und 1800 Tonnen Mist.

Wenn man’s riechen kann, geht’s mitunter schnell.

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.