Warum Frauen anders wählen

Politik / 24.09.2019 • 09:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
symbolbild/apa

Österreichweit sind mehr Frauen als Männer wahlberechtigt, in Vorarlberg um über 6000.

SCHWARZACH Wer einen österreichischen Pass hat und mindestens 16 Jahre alt ist, darf wählen. Wobei bemerkenswert ist, dass das wesentlich mehr Frauen als Männer sind. Konkret: Bei der Nationalratswahl Ende September sind laut Innenministerium 3,1 Millionen Männer und 3,3 Millionen Frauen wahlberechtigt. Das sind um 200.000 mehr. Ausschlaggebend dafür ist vor allem die größere Lebenserwartung, die sie haben. Frauen sind in allen Bundesländern zahlreicher, in Vorarlberg um 6247 und in der Millionenstadt Wien gar um 62.681 (siehe Grafik).

In der praktischen Politik spiegelt sich das jedoch nur bedingt wider, wie Kathrin Stainer-Hämmerle bestätigt, die sich als Professorin an der FH Kärnten unter anderen auch mit diesem Phänomen beschäftigt. Frauen würden keine Frauen wählen, nur weil sie demselben Geschlecht angehören, berichtet sie etwa. Diese Erfahrung hat beispielsweise die Präsidentschaftskandidatin der ÖVP, Benita Ferrero-Waldner, vor 15 Jahren gemacht: Sie hatte versucht, genau damit zu punkten. Vergeblich jedoch, in die Hofburg zog damals nicht sie, sondern der Sozialdemokrat Heinz Fischer ein.

„Was mich eher wundert, ist, dass das Thema Frauenpolitik keine große Rolle spielt“, sagt die gebürtige Lustenauerin Stainer-Hämmerle: „Das wäre eine Lücke.“ Am ehesten bemühen würden sich die Grünen. Sie haben der Feministin Sibylle Hamann bei der Nationalratswahl einen sicheren Listenplatz gegeben. Andererseits räumt Stainer-Hämmerle ein, dass es nicht nur einen Zugang gibt, sondern viele: Während die einen „gleichen Lohn für gleiche Arbeit“ forderten, würden andere eher darauf setzen, traditionelle Rollen von Frauen aufzuwerten; „das geht in Richtung Herdprämie“, wie es Stainer-Hämmerle formuliert.

Spannend ist, dass das Wahlverhalten nach Geschlecht extrem unterschiedlich ist. In den 1920er Jahren war das schwarz auf weiß feststellbar; damals gab es jeweils eigene Stimmzettel für Frauen und Männer. Frauen bevorzugten demnach überwiegend das konservative Lager. Die Meinungsforscherin Eva Zeglovits führt das darauf zurück, dass Kirche und Familie eine bestimmende Rolle für sie spielten. Ab den 1960er, 1970er Jahren habe sich das geändert. Seither würden Frauen vermehrt Mitte-Linksparteien unterstützen.

Das zeigt auch eine Erhebung des SORA-Instituts zur Vorarlberger Landtagswahl vor fünf Jahren: Bei Männern kamen die Sozialdemokraten auf sechs und die Grünen auf 13 Prozent. Bei Frauen schafften sie mit 11 bzw. 21 Prozent jedoch fast doppelt so viel. Umgekehrt triumphierten die Freiheitlichen bei Männern mit 35 Prozent und mussten sich bei Frauen mit gerade einmal 14 Prozent begnügen. Nicht ganz so extrem waren die Unterschiede für die übrigen Parteien, die ÖVP erreichte bei Männern 38 und bei Frauen 44 Prozent, die Neos sechs bzw. acht Prozent.

Kathrin Stainer-Hämmerle hat zwei Erklärungen dafür: „Das hat viel mit den Lebenszusammenhängen zu tun. Frauen sind mehr auf Leistungen des Staates angewiesen, von der Kinderbetreuung bis zur Mindestpension.“ Das erfordert einen starken Staat und dafür stehen besonders Mitte-Links-Parteien. Abgesehen davon höre sie von Studierenden immer wieder, dass eine polarisierende Rhetorik Frauen eher abschrecke als Männer. Wörtlich habe sich eine Studentin dabei etwa auf „die Schreierei“ von Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache bezogen. Zumindest er ist vorerst jedoch Geschichte. JOH