Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Auf der türkis-grünen Welle

Politik / 29.09.2019 • 23:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Gestärkt wie nie zuvor geht Sebastian Kurz mit der ÖVP aus diesem Wahlgang hervor. Dabei hat er auf dem Weg dahin alles riskiert: die Reißleine wenige Stunden nach dem Ibiza-Video gezogen und damit den eigenen Fehler eingestanden, überhaupt die FPÖ in die Regierung geholt zu haben. Nach allem, was man heute weiß, muss man nüchtern feststellen: Die FPÖ kann es nicht, mehrfach eindrucksvoll bewiesen.

Sebastian Kurz muss nichts weniger als seinen Führungsstil und damit sich selbst neu erfinden.

Auf Kurz kommt nun nach der Ibiza-Zäsur eine gewaltige Verantwortung zu. Mächtig wie nie, auch weil er den politischen Hauptgegner SPÖ auf so großer Distanz hält, gilt es, Andersdenkende mit einzubeziehen. 

Neuerfindung des Sebastian

Sebastian Kurz muss nichts weniger als seinen Führungsstil und damit sich selbst völlig neu erfinden. Die streng sternförmige Organisation, wo alles, aber auch gar alles, bei ihm, dem Kanzler zusammenläuft, ließ sich 2017 nur Straches machthungrige FPÖ gefallen. Mit den Grünen (und jedem anderen denkbaren Koalitionspartner) wird sich das erwartbar nicht mehr spielen. Kurz muss lernen, dass er viel mehr Pluralität zulassen kann, ja zulassen muss.

Dass Kurz die Rechtspopulisten entzaubert hat, ist mindestens genauso wahr wie die Tatsache, dass sich die Freiheitlichen – allen voran der Über-Vater Heinz-Christian Strache – sich vor allem selbst in die Luft gesprengt haben. 

Greta grünes Ehrenmitglied

Die Grünen haben eine goldrichtige Entscheidung getroffen, Werner Kogler auf dem Weg nach Brüssel zurück nach Wien in den Wahlkampf zu beordern. Applaus für ein kraftvolles, formidables Comeback, das Kogler abgeliefert hat. Greta Thunberg müssen die Grünen nun die Ehrenmitgliedschaft verleihen, der Kampf gegen Klimawandel wurde von breiten Bevölkerungsschichten als unausweichlich verstanden – allen voran von unserer Jugend! Besser hätten die Grünen jedenfalls nach dem Debakel von 2017 nicht zurückkehren können. 

Vorarlberger Auswirkungen

Für die Vorarlberger Landtagswahl sind die Effekte glasklar: Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) darf mit starkem Kurz’schen Rückenwind rechnen. Johannes Rauch war der Fortsetzung der Koalition nie näher als heute Morgen. FPÖ-Landesleiter Christof Bitschi, der sich thematisch sehr an die Bundespolitik angehängt hat, muss den negativen Bundestrend erst einmal aushalten. Die Neos starten mit leicht positiver Grundstimmung in die Landtagswahl. Ordentlich im Gegenwind radelt derzeit Martin Staudinger von der SPÖ. 

Annäherung?

Auf Bundesebene starten nun Türkis und Grün, beide auf einer unglaublichen Welle der Wählersympathie, einen Annäherungsprozess. Vor allem im Bereich der Migrationspolitik wird das dringend notwendig sein, wenn die beiden Parteien je zueinander finden wollen. 

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.