Als die deutsche Teilung Geschichte wurde

Politik / 02.10.2019 • 22:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die East Side Gallery markiert ein Reststück der Berliner Mauer, ein Überbleibsel der jahrelangen Trennung.  reuters
Die East Side Gallery markiert ein Reststück der Berliner Mauer, ein Überbleibsel der jahrelangen Trennung.  reuters

1990 kam es zur Wiedervereinigung. Noch immer gibt es viele Unterschiede zwischen Ost und West.

berlin Vor 29 Jahren, am 3. Oktober 1990, endete die Existenz der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Die Teilung Deutschlands war nach 45 Jahren überwunden. Der Fall der Berliner Mauer, Symbol der Trennung zwischen Ost und West, fiel bereits am 9. November 1989. Knapp ein Jahr später trat der Einigungsvertrag in Kraft, die einst kommunistische DDR wurde Teil der Bundesrepublik. Aus den DDR-Bezirken entstanden die neuen deutschen Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Thüringen. Ost-Berlin wurde Teil Berlins. Der Tag der deutschen Einheit ist der wichtigste Feiertag im Nachbarland.

„Mut verbindet“

Heuer hat das Bundesland Schleswig-Holstein das Motto zu den Feiern zur deutschen Einheit festgelegt. Es lautet: „Mut verbindet.“ Es erinnere an den Mut vieler Menschen, „um die deutsche Einheit Realität werden zu lassen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel, die selbst in der DDR aufgewachsen war, in ihrem Podcast zum Thema. Die deutsche Regierung sieht den wirtschaftlichen Aufholprozess des Ostens grundsätzlich auf einem guten Weg. „Die Wirtschaftskraft Ostdeutschlands ist von 43 Prozent im Jahr 1990 auf 75 Prozent des westdeutschen Niveaus im Jahr 2018 angestiegen“, erläuterte der Ost-Beauftragte Christian Hirte kürzlich bei der Vorstellung des Jahresberichts zum Stand der Einheit. Bei der Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West seit 1990 sei man weit vorangekommen.

Trotzdem gibt es teils größere Unterschiede. Zum Beispiel bei der Arbeitslosigkeit: Laut Einheitsbericht lag die durchschnittliche Arbeitslosenquote bei 4,8 Prozent im Westen. Im Osten waren es 6,9 Prozent. Dieser Wert ist aber stark zurückgegangen. 2005 lag er bei 18,7 Prozent (9,9 Prozent im Westen).

Die Lohnlücke liegt bei 16 Prozent: Ein ostdeutscher Vollbeschäftigter kam 2018 auf 84 Prozent des monatlichen Bruttoverdienstes eines Westdeutschen, nämlich rund 2790 Euro. 2017 betrug die Lücke noch 19 Prozent.

Auch bei der Armut zeigt sich ein unterschiedliches Bild. In den neuen Ländern waren im vergangenen Jahr laut Statistischem Bundesamt 17,5 Prozent der Bevölkerung von Armut bedroht. In den „alten“ Bundesländern sind es 15 Prozent. Besonders in politischen Fragen sind die Gräben tief. Nach einer von der deutschen Regierung kürzlich durchgeführten Umfrage fühlen sich 57 Prozent der Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse. Die Wiedervereinigung halten nur rund 38 Prozent der Befragten in den neuen Bundesländern für gelungen. Besonders auffällig: Bei den Menschen unter 40 Jahren sind es nur rund 20 Prozent. Als „besorgniserregend“ werden die Zustimmungswerte zur Demokratie bezeichnet. Knapp die Hälfte der Menschen im Osten ist eher unzufrieden mit ihrer Funktionsweise. „Diese Unzufriedenheit findet auch einen Ausdruck in den signifikant unterschiedlichen Wahlergebnissen im Osten und im Westen“, heißt es in dem Jahresbericht.

Die rechtspopulistische AfD feiert insbesondere im Osten große Erfolge. Bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg Anfang September erzielte sie Rekordergebnisse. Am 27. Oktober steht in Thüringen der nächste Urnengang an: Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa von 26. September liegt die AfD mit 24 Prozent auf Platz zwei, hinter Die Linke mit 29 Prozent. Die CDU kommt auf 23 Prozent, die Sozialdemokraten gerade einmal auf neun Prozent, ebenso wie die Grünen.

Appell an Ostdeutsche

Anlässlich des Jahrestags der deutschen Einheit appellierte die Kanzlerin an die Ostdeutschen, sich selbstbewusst in die deutsche Gesellschaft einzubringen. Dafür sei es notwendig, sich an die Anfangszeit der Wiedervereinigung zu erinnern. „Damals haben wir auch unsere Stimme erhoben, und damals haben wir doch auch den Mund aufgemacht.“ Es sei nicht alles sofort verstanden worden, meinte Merkel. „Die Stimme der neuen Bundesländer, die Stimme der Bürgerinnen und der Bürger, die hier leben, die kann eher wieder lauter werden, als dass sie verstummt.“

„Die Stimme der neuen Bundesländer, die kann eher wieder lauter werden.“