Ausnahmezustand nach Amoklauf in Halle

Politik / 09.10.2019 • 22:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

» Tote und Verletzte in Sachsen-Anhalt.
» Angriff auf eine Synagoge und einen Dönerstand.
» Rechtsextremist festgenommen.

Halle Sirenengeheul unterbricht über Stunden die Totenstille. Rettungswagen reihen sich hintereinander. Schwer bewaffnete Polizisten durchkämmen das beschauliche Paulusviertel im Norden von Halle in Sachsen-Anhalt. Etwa 30 Meter von einer Synagoge entfernt liegt die Leiche einer Frau, sie ist mit einer blauen Decke bedeckt. Daneben steht ein schwarzer Rucksack, an dessen Reißverschluss eine kleine Stoffente hängt. Ein Mann wird in einem Döner-Imbiss erschossen. Mindestens zwei weitere Menschen werden verletzt. Der mutmaßliche Täter, Stephan B. (27) aus Sachsen-Anhalt, soll in den sozialen Netzwerken ein Bekennervideo hochgeladen haben. Die jüdische Gemeinde entging an ihrem höchsten Feiertag Jom Kippur nur knapp einer Katastrophe.

Das am Mittwoch verbreiteten Video zeigt unter anderem, wie in einem Döner-Imbiss mehrfach auf einen Mann geschossen wird, der hinter einem Kühlschrank liegt. Die Aufnahmen stammen wohl von einer an einem Helm befestigten Kamera. Der Täter gibt in schlechtem Englisch extrem antisemitische Äußerungen von sich. Außerdem ist zu sehen, wie er versucht, in die Synagoge einzudringen, in der sich rund 80 Menschen aufhalten. Als ihm das nicht gelingt, schießt der Täter auf der Straße einer Passantin mehrfach in den Rücken, die ihn zuvor angesprochen hatte. „Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen“, schilderte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki. „Aber unsere Türen haben gehalten.“ Bei dem Angriff legte der Täter auch selbstgebastelte Sprengsätze vor dem Gotteshaus ab. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, erhob schwere Vorwürfe gegen die Polizei. „Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös. Wie durch ein Wunder ist nicht noch mehr Unheil geschehen.“ Auf seiner Flucht soll Stephan B. einen Taxifahrer und zwei weitere Menschen bedroht haben. Dann habe er mit einem Wagen einen Unfall gebaut und sei festgenommen worden.

Die Stadt Halle rief die Menschen überall in Halle dazu auf, in Gebäuden zu bleiben. Die Polizei ging zunächst davon aus, dass mehrere bewaffnete Täter mit einem Auto auf der Flucht sind. Erst nach langen Stunden des Wartens wurde klar, dass es sich um einen Einzeltäter handelte. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sprach am Abend von einem antisemitischen Motiv.

„Die Tat ist ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land.“

Stichwort

Jom Kippur ist der höchste jüdische Feiertag. Nach jüdischem Kalendersystem wird er am 10. Tag des Monats Tischri begangen – als strenger Ruhe- und Fastentag. Nach christlich-geprägtem Gregorianischen Kalender fällt Jom Kippur von Jahr zu Jahr auf unterschiedliche Daten im September oder Oktober. Zusammen mit dem zehn Tage davor stattfindenden zweitägigen Neujahrsfest Rosch ha-Schana bildet er die Hohen Feiertage des Judentums und den Höhepunkt und Abschluss der zehn Tage der Reue und Umkehr. Jom Kippur wird von einer Mehrheit der Juden, auch nicht religiösen, in mehr oder weniger strikter Form eingehalten.