Türkischer Präsident außer Rand und Band

Politik / 10.10.2019 • 22:39 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Erdogan drohte der EU damit, die Grenzen für syrische Flüchtlinge zu öffnen. AFP
Erdogan drohte der EU damit, die Grenzen für syrische Flüchtlinge zu öffnen. AFP

Vormarsch bei den Kurden und Drohungen an die EU.

ankara Im syrischen Kurdistan hat die türkische Invasion am Donnerstag Boden gewonnen. In Kämpfen mit den gegen die IS-Terrormiliz bewährten, doch jetzt von den US-Verbündeten im Stich gelassenen Kurden und aramäischen Christen. Auf ihre Stellungen hämmern schwere Artillerie und Raketenwerfer ein und schießen sie fürs Vorrücken türkischer Tanks mit der blutroten Halbmondflagge sturmreif.

Im jetzt umkämpften Ras al-Ain lebt noch die Erinnerung an unsagbares Leid beim Genozid der Armenier im Ersten Weltkrieg. Die Stadt diente 1916 als „Sterbelager“ für Überlebende der armenischen Todesmärsche aus der Ost- und Zentraltürkei. Zehntausende fielen dem Typhus zum Opfer oder mussten kläglich verhungern: „In Ras al-Ain war immer rasch Platz für neue Transporte. Wer nicht einfach wegstarb, den haben Türkensäbel ins Jenseits befördert“, schrieb der deutsche Diplomat Wilhelm Litten. Weiter westlich, in Tell al-Abiad, am „Weißen Hügel“, steht heute wieder eine armenische Kirche zum Heiligen Kreuz. In ihren festen Mauern suchen jetzt auch Kurden und Araber Schutz im Granathagel. Die Grenze führt mitten durch die Stadt, sodass ein Bahnhof der alten Bagdad-Bahn gerade noch auf die türkische Seite kam. Republikgründer Atatürk konnte das 1921 im Abkommen von Ankara durchsetzen. Zuvor hatten seine Freischaren die 1920 im Frieden von Sèvres viel weiter nördlich gezogene Grenze Syriens schon damals um eine „Sicherungszone“ vorgeschoben. Eine Massenflucht vor den Türken war die Folge. Wie jetzt wieder die ersten 60.000 Frauen, Kinder und Alten vor Erdogans Horden das Weite suchen.

Der heutige Machthaber tut alles, um seine Türkei erneut in Richtung einstig osmanischer Größe auszudehnen. Das steckt zutiefst hinter seinem Einfall tief nach Syrien. Er glaubt damit nichts riskieren zu müssen: Widerspruch in den türkischen Medien macht er mit Festnahmen mundtot, der europäischen Kritik droht er mit Lostreten einer Flüchtlingsflut: „Hallo EU, wach auf. Sonst kommen 3,6 Millionen Hungerleider über euch.“ Von Europa haben die syrischen Kurden und Christen ohnedies nicht viel mehr als Worte zu erwarten. So verhält es sich auch mit Iran, China und den UN. Einzig wirksame militärische Hilfe könnte nur vom syrischen Assad-Regime kommen. Damaskus wird sich aber heraushalten, nachdem Russlands Außenminister Sergej Lawrow angebliche Sicherheitsinteressen der Türkei bekräftigt hat. GSTRE