Jugendliche neun Jahre in Keller versteckt

Politik / 15.10.2019 • 23:09 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Dem verschlafenen Örtchen Ruinerwold wird es wohl so gehen wie Amstetten: Es wird traurige Berühmtheit erlangen.
Dem verschlafenen Örtchen Ruinerwold wird es wohl so gehen wie Amstetten: Es wird traurige Berühmtheit erlangen.

Auf holländischer Farm soll 58-jähriger Wiener mit ihnen auf den Weltuntergang gewartet haben.

Amsterdam, Wien Horror auf einem Bauernhof im niederländischen Dorf De Wolden: Ein 58-jähriger Wiener hielt dort sechs junge Menschen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren wie Gefangene. Und zwar in einem Keller. Die meisten von ihnen hatten offensichtlich noch kaum jemals Tageslicht gesehen. Ersten Medienberichten zufolge wartete die Gruppe untertags auf „das Ende der Zeiten“.

Wahrscheinlich nicht der Vater

Die Ermittler wollten diese Darstellung zunächst nicht bestätigen. Es gebe noch sehr viele offene Fragen, sagte der Bürgermeister der kleinen Gemeinde. Noch ist nicht bekannt, in welchem Verhältnis der Mann zu den jungen Menschen stand. Er ist nach ersten Erkenntnissen jedoch nicht der Vater der jungen Erwachsenen. Aufgeflogen ist die unfassbare Geschichte durch einen 25-jährigen Mann, der mit langen Haaren, dreckigem Bart und verwirrtem Blick in der Dorfkneipe des Örtchens auftauchte. Er sei von einem nahen Bauernhof fortgelaufen, wo er seit neun Jahren mit seinem Vater und seinen fünf jüngeren Geschwistern völlig isoliert von der Außenwelt im Keller lebe, erzählte er. Laut Bild-Zeitung berichtete Wirt Chris Westerbeek, dass der Mann vor eineinhalb Wochen schon einmal in die Kneipe gekommen war. Dort habe jedoch niemand Notiz von dem 25-Jährigen genommen.

Erst als er am vergangenen Wochenende wiederkam, unterhielt sich der Barkeeper länger mit ihm. „Er sagte, dass er Jan heiße, weggelaufen sei und Hilfe brauche. Er sei neun Jahre nicht mehr draußen gewesen“, gab der Wirt gegenüber der Bild-Zeitung an.

Szenario eines Weltuntergangs

Der Wirt alarmierte daraufhin die Polizei. Als die Beamten den Bauernhof aufsuchten, waren sie perplex. Sie entdeckten hinter einem Schrank im Wohnzimmer eine Treppe. Unten fanden die Polizisten schließlich die jungen Menschen. Sie trafen dort auch einen älteren Mann an, der in einem Bett lag. Offenbar hatte jemand den Jugendlichen ein wirres Weltuntergangsszenario geschildert. Der 25-jährige Mann soll in der Dorfkneipe laut Bild-Zeitung über einen seltsamen Glauben gesprochen haben. Die Dorfbewohner sind geschockt. Sie erzählten Reportern, dass sie bei dem Hof immer nur einen Mann gesehen hatten. Von einer Gruppe hätten sie nichts gewusst. Der Hof liegt versteckt hinter Bäumen und etwa 200 Meter vom Rande des Dorfes entfernt. Dazu gehören nach Aussagen von Reportern ein großer Gemüsegarten und eine Ziege. Möglicherweise habe sich die Gruppe jahrelang selbst versorgt.

Erinnerungen an Josef F.

Über die genauen Lebensumstände und den Gesundheitszustand der Gruppe wollte die Polizei vorerst keine Angaben machen. Der 58-Jährige, bei dem es sich um einen gewissen Josef B. aus Wien handeln soll, wurde festgenommen, weil er nicht an der Untersuchung durch die Polizei mitgearbeitet habe. Der Österreicher soll 2010 in die Niederlande ausgewandert sein.

Der Fall der versteckten Jugendlichen in Holland erinnert an Josef F. Der Amstettner hatte 24 Jahre lang seine Tochter in einen Keller gesperrt und mit ihr sieben Kinder gezeugt. Er wurde zu lebenslanger Freiheitsstrafe und Einweisung in eine Anstalt für abnorme Rechtsbrecher verurteilt.

„Er war total verwirrt, hat gesagt, dass er weggelaufen ist und Hilfe braucht.“

Josef Fritzl bei seinem Prozess im Jahre 2009. AP
Josef Fritzl bei seinem Prozess im Jahre 2009. AP
Auf diesem Anwesen im holländischen Örtchen Ruinerwold wurden offensichtlich über neun Jahre sechs junge Menschen in einem Keller versteckt. APA, AFP
Auf diesem Anwesen im holländischen Örtchen Ruinerwold wurden offensichtlich über neun Jahre sechs junge Menschen in einem Keller versteckt. APA, AFP
Natascha Kampusch bei ihrer jüngsten Buchpräsentation in Wien. APA
Natascha Kampusch bei ihrer jüngsten Buchpräsentation in Wien. APA

getötet, gefangen und missbraucht: Eine Chronologie des Schreckens

Ashland 2013: Mehrere Menschen werden angeklagt, eine geistig behinderte Mutter und ihre minderjährige Tochter etwa zwei Jahre lang in einem Wohnhaus in Ashland im US-Bundesstaat Ohio wie Sklaven in einem Keller gehalten zu haben. Die Opfer wurden den Angaben zufolge misshandelt, mit Waffen bedroht und mussten Hundefutter essen. Die Opfer kamen laut Polizei bereits im Oktober 2012 frei.

Cleveland 2013: Zehn Jahre nach ihrer Entführung entkommen drei Frauen in Cleveland ihrem Kidnapper. Sie waren zwischen 2002 und 2004 verschwunden. Erst gelingt einer der Frauen die Flucht, die beiden anderen Gefangenen sowie eine bei einer Vergewaltigung gezeugte Tochter können ebenfalls gerettet werden. Ihr Peiniger wird zu lebenslanger Haft wegen Entführung, Misshandlung und Vergewaltigung verurteilt.

Amstetten 2008: Es wird bekannt, dass der Elektrotechniker Josef Fritzl seine Tochter 24 Jahre lang im Keller seines Hauses in Amstetten (NÖ) gefangen hielt und unzählige Male vergewaltigte. Er zeugte mit ihr sieben Kinder, die zum Teil auch in dem Versteck lebten. Die Tat wird bekannt, als Fritzl die Tochter in ein Krankenhaus bringt. Der Rentner wird zu lebenslanger Haft verurteilt, seine Familie bekam eine neue Identität.

Strasshof 2006: Die 18 Jahre alte Natascha Kampusch aus Wien taucht acht Jahre nach ihrem Verschwinden wieder auf. Das Mädchen war mit zehn Jahren 1998 auf dem Schulweg entführt und in einem fünf Quadratmeter kleinen Kellerverlies in Strasshof in Niederösterreich unter dem Haus ihres Kidnappers gefangen gehalten worden. Nach Kampuschs Flucht nahm sich der Entführer Wolfgang Priklopil das Leben.

Elsene 1996: Monatelang wird Sabine Dardenne im Keller des Hauses von Marc Dutroux gefangen gehalten, bis die Polizei ihr Martyrium beendet. Die Zwölfjährige war auf dem Weg zur Schule, als sie der belgische Kinderschänder vom Fahrrad riss. Außer Dardenne waren noch weitere Opfer von Marc Dutroux eingesperrt. Insgesamt fünf Menschen hat er auf dem Gewissen, mehrere weitere entführte und vergewaltigte er.