Im Labyrinth Syrien

Politik / 16.10.2019 • 22:44 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen“ – zynischer könnte sie kaum sein, die Passage aus Goethe’s Faust über den Spießer der dazu „sein Gläschen trinkt“, beschaulich auf den Fluss blickt und dann abends „froh nach Haus“ zurückkehrt. Zu einer derart voyeuristisch-entspannten Haltung haben wir angesichts der neuesten Entwicklungen in der syrisch-türkischen Grenzregion keinen Anlass. Dass US-Präsident Trump in einer brüsken Kehrtwendung die amerikanischen Truppen aus Nordsyrien zurückzog, die bisher mit den USA verbündeten Kurden jäh im Stich ließ und damit den Weg frei machte, ja grünes Licht gab für die große türkische Offensive gegen den kurdischen Erzfeind öffnet eine Pandora-Büchse – mit möglicherweise weitreichenden Konsequenzen in Europa. Trump hat zudem mit seinem Vorgehen die Kurden in die Arme des syrischen Diktators Asad getrieben – und diesen (den Feind Israels, des wichtigsten Verbündeten der USA in der Region) damit indirekt gestärkt. Kann Amerika dies wollen?

Die Außen- und Sicherheitspolitik des Mannes an der Spitze der (immer noch) führenden Weltmacht ist inkohärent und gefährlich. Nicht nur hat Trump einem verlässlichen, tapfer für die vitalen Interessen der westlichen Welt kämpfenden Verbündeten schmerzhaft vor Augen geführt, wieviel Verlass ist auf das große Amerika als Verbündeter eines kleinen, um seine Existenz ringenden Volkes. Trump hat auch erneut gezeigt, dass er das mächtige Schlachtschiff USA nicht auf einem gradlinigen, vorhersehbaren Kurs durch die stürmischen Gewässer der Weltpolitik zu lenken vermag. Trump scheint unfähig, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, ist offenbar beratungsresistent und unfähig zu rationalen, weitreichenden Entscheidungen.

Die mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwartende Flüchtlingswelle von Zehntausenden, die sich wohl in Kürze aus der 30 Kilometer breiten „Sicherheitszone“ in Nordsyrien in Richtung Türkei und dann möglicherweise Richtung Europa in Bewegung setzen wird, dürfte in den EU-Nationen erneut Folgen zeigen – und einen weiteren Rechtsruck in Gang setzen. Mindestens 750 000 Personen in der grenznahen „Pufferzone“ kommen jetzt unter das Bombardement der türkischen Luftwaffe. Das Flüchtlings- und Migrationsthema ist hier nach wie vor vielerorts die Nummer Eins auf den politischen Agenden. Die Kurden haben bisher die IS-Kämpfer in Schach gehalten. Das Thema IS ist denn auch in den letzten Monaten in den Hintergrund getreten. Es könnte diesen Winter wieder neue Aktualität erhalten; die Terrorgefahr in Europa könnte sich erneut erhöhen. Kein gutes Umfeld, um beschaulich sein Gläschen zu trinken, und anschließend froh nach Hause zurückzukehren.

„Die Terrorgefahr in Europa könnte sich erhöhen.“

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).