„Nicht ganz richtig im Kopf“?

Politik / 20.10.2019 • 22:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Es gibt Bekundungen, mit denen ein normalbegabte Menschen nicht rechnen müssen: Etwa von der Sorte, dass es wissenschaftlich zweifelsfrei erwiesen sei, dass Spulwürmer Autofahren können.

Und doch sind Fälle behandlungsbedürftiger Realitätsferne nicht nur aus Brexit-London, sondern aktuell auch aus Washington zu melden: Auf einer Pressekonferenz um eine aktuellen Lagebeurteilung des mörderischen türkischen Anti-Kurden-Krieges in Syrien gebeten, verkündete US-Präsident Donald J. Trump in Anwesenheit des italienischen Regierungschefs strahlend drei knappe Sätze: „Da gibt es ganz viel Sand. Wirklich viel Sand. Und da können sie jetzt mit spielen“. Pressevertretern und US-Präsidentenberatern entgleisten die Gesichtszüge.

Zuvor hatte es beim Präsidenten schon einen anderen offensichtlichen neurologischen Kurzschluss gegeben. Bei einer Konferenz im Weißen Haus gestatte sich Trump einen Tobsuchtsanfall und beleidigte Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi als „drittklassige Person“, die „nicht ganz richtig im Kopf“ sei. Worauf die Parlamentsdelegation geschlossen den Saal verlies. Vor Journalisten gaben die entgeisterten Parlamentarier wenig schmeichelhafte Vermutungen über die psychische Dauer-Verfassung des Präsidenten zu Protokoll. Pelosi fügte hinzu, dass sie für die Wiederherstellung von Trumps Gesundheit beten werde.

In den bisherigen tausend Tagen seiner Amtszeit sind schon oft und von Anfang an Zweifel an der Geistesverfassung des Präsidenten geäußert worden. Etwa von Außenminister Rex Tillerson, Verteidigungsminister James Mattis, von gleich mehreren Stabschefs, und dem Geheimdienstkoordinator, die als Konsequenz ihrer Einschätzung allesamt zurücktraten. Auch Psychiater und Psychologen erkannten per Ferndiagnose diverse psychische „Auffälligkeiten“ und intellektuelle „Defekte“. Eine Gruppe von Abgeordneten forderten die Mitglieder von Trumps Regierung wiederholt auf, per Abstimmung nach Artikel 25 der US-Verfassung die Amtsunfähigkeit des Präsidenten zu konstatieren und damit seine Absetzung zu bewirken.

Auf „gut Deutsch“ bedeutet das alles, dass sehr viele Menschen den amtierenden und sich um seine Wiederwahl bemühenden Präsidenten für geistig und mental abnorm halten. Das hat wenig mit den laufenden parlamentarischen Untersuchungen zur Amtsenthebung Trumps zu tun. Denn in diesem Verfahren geht es „nur“ um vermutete Rechtsverstöße.

All das Beschriebene, die Zweifel an der geistigen Gesundheit des Chefs der Supermacht USA, sind wegen der Machtfülle des Handelnden eine Tragödie für die Welt. Unberechenbare Herrscher hat es in der Geschichte schon mehr als genug gegeben. Aber noch sind die Vereinigten Staaten eine Demokratie. Und die Hilfe der Wähler ist gefragt.

„Das hat wenig mit den laufenden parlamentarischen Untersuchungen zur Amtsenthebung Trumps zu tun.“

Peter W. Schroeder

berichtet aus Washington, redaktion@vn.at