Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Die Verachtung: Alte Spielregeln der Politik

Politik / 21.10.2019 • 22:36 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der politische Betrieb ist kein Ort der Nächstenliebe, und das überrascht auch niemanden. Dennoch sollte man sich Gedanken über den hohen Grad an Menschenverachtung machen, der mittlerweile im politmedialen Geschäft ganz selbstverständlich dazugehört – als wäre Verachtung ein Bestandteil des Berufs. Und die angeschlagene Sozialdemokratie hat die Menschenverachtung innerhalb der eigenen Partei-Familie so professionalisiert, dass man die SPÖ derzeit als das beste abschreckende Beispiel live beim Zerrüttungsprozess beobachten kann. Hoch lebe die Solidarität.

Natürlich mischen sich bei den Konflikten Seilschafts- und Macht-Spiele, aber grundlegend geht es immer auch um den verächtlichen Umgang mit anderen Menschen. Das erfährt gerade der widerspenstige steirische SPÖ-Abgeordnete Max Lercher sehr anschaulich, der wegen seiner Kritik am Kurs der Parteiführung nun mit einer über ein Boulevardblatt verbreiteten Intrige zu seinen Bezügen niedergemacht werden soll. Wer solche Genossen und Genossinnen hat, braucht keinen Klassenfeind.

Verachtung von innen (männliche Kollegen, mächtige Landeschefs) und Verachtung von außen (Journalisten und politische Gegner) hat allerdings auch die derzeitige SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner von Beginn ihrer Obfrauschaft an zur Genüge erlebt – die richtigen Schlüsse dürfte sie daraus nicht gezogen haben. Genauso wenig wie Doris Bures, einst wichtige Verbündete von Ex-Kanzler Faymann und noch immer einflussreiche SPÖ-Politikerin, die man als Frau lange Jahre unterschätzt und desavouiert hatte – heute gehört die machtbewusste Bures zur bestimmenden Wiener Gruppe in der Partei, mit der sich Rendi-Wagner arrangieren muss. Die Verachtung trifft also fast alle früher oder später. Je nachdem, wer gerade das Sagen hat.

Macbeth für Laiendarsteller

Man könnte jetzt feststellen: So sind eben die Spielregeln in der Politik. Man nimmt den anderen nicht als Menschen wahr, sondern als aktuellen Gegner (auch innerhalb der eigenen Gruppe) und im Krieg ist jedes Mittel erlaubt. Nur mit dieser Haltung lässt sich kaum zeitgemäße, konstruktive Politik für ein Gemeinwesen umsetzen und das Publikum wird solcher Macbeth-für-Laiendarsteller-Dramen in den Parteien heute auch schneller müde. Diese Verächtlichkeit widert viele nur mehr an.

Natürlich spielen auch Medien manchmal im Verachtungs-Spiel mit: Wir berichten ja nur, die Politiker führen sich halt so auf – das kann keine Ausrede für die Menschenverachtung jenseits berechtigter Kritik sein, die man oft mitbedient. An dieser Déformation professionnelle, also der beruflichen Neigung, grundsätzlich einen verächtlichen Blick auf die anderen zu haben, sollten wir alle mal dringend arbeiten.

„Die Intrige um Max Lercher: Wer solche Genossen und Genossinnen hat, braucht keinen Klassenfeind.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit ­Vorarlberger Wurzeln und lebt in Wien. Podcast: @ganzoffengesagt