Neuer Akt im Brexit-Drama

Politik / 30.10.2019 • 22:34 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Es war unbestreitbar „the best show in town”: Die MPs in Westminster, die Unterhausabgeordneten, die sich eher aufführten wie eine außer Rand und Band geratene Schulklasse an einer englischen Boarding School als würdigen Parlamentarier in der „mother of parliaments“ mit einem großartigen John Bercow, der eher einem Löwenbändiger als einem Mister Speaker glich. Damit ist es nun vorerst vorbei – denn ein neuer Akt im scheinbar endlosen Brexit-Drama hat mit der Ankündigung von Neuwahlen auf den 12. Dezember begonnen. Die Mehrheit für den Neuwahl-Beschluss am Dienstagabend war spektakulär: 438 gegen nur 20 Stimmen. Rund drei Jahre vor dem ordentlichen Wahltermin im Jahr 2022 – aber im Vereinigten Königreich geht’s ohnehin drunter und drüber, von der Politik bis (wieder einmal) hinauf zu den „Royals“, deren Tage ebenso gezählt sein dürften wie jene dieses Parlaments.

Boris Johnson spekuliert darauf, mit seinem Neuwahl-Vorstoß das zu schaffen, woran seine unglückliche Vorgängerin Theresa May 2017 mit ihrem Wahl-Experiment gescheitert ist: Wieder eine Mehrheit für die Tories zu erlangen und dann Kopf voran aus der EU zu „crashen“ – vermutlich ohne Abkommen, mit dem gefürchtetenb „no deal Brexit“. Mehr als einmal hat der blonde Boris den Mund zu voll genommen: Seine großsprecherische Proklamation, er werde eher „tot im Graben liegen“ als auf den Vollzug des Brexit am 31. Oktober zu verzichten ist Schnee von gestern – und dürfte dem Premier heute eher peinlich sein. Er musste vor den Tatsachen kapitulieren, und dies nicht das erste Mal. Der 31. Oktober wird verstreichen, ohne dass da etwas erwähnenswertes geschieht. Und am Rande des Geschehens in Westminster ereignete sich eine kleine Skurrilität: Bereits wurden 1000 Stück einer neuen 50Pence-Münze zum Gedenken an den EU-Austritt am 31. Oktober 2019 geprägt. Etwas voreilig, könnte man sagen. Die Produktion wurde umgehend gestoppt, aber die in Umlauf gebrachten Brexit-Münzen erzielen bei Sammlern und Liebhabern von Seltsamkeiten bereits Rekordpreise: Gegenwärtig 800 Pfund Sterling pro Stück, Tendenz steigend.

Ganz abgesehen von Kuriositäten wie der obsoleten Brexit-Münze und dem „Dead-in-a-ditch“-Ausspruch von Boris Johnson: Was die Zukunft bringt, erscheint ungewiss, aber der durch das Brexit-Drama bereits angerichtete Schaden ist immens. Eine gespaltene Nation – Nord-Süd, Jung-Alt, Arm-Reich. Das legendäre Westminster-Parlament – von einem Ort weltweiter Bewunderung in eine TV-Sitcom mit Original-Kulisse. Und in absehbarer Zukunft könnte von einem „vereinigten“ Königreich nicht mehr die Rede sein – Schottland könnte sich abspalten und Nordirland sich der in der EU verbleibenden Republik Irland annähern.

„Das legendäre Westminster-Parlament – von einem Ort weltweiter Bewunderung in eine TV-Sitcom mit Original-Kulisse.“

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).