„Ein Qualifikationsproblem“

Politik / 03.11.2019 • 22:24 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die Arbeitslosigkeit dürfte im kommenden Jahr steigen. Erste Anzeichen hat es schon gegeben. APA
Die Arbeitslosigkeit dürfte im kommenden Jahr steigen. Erste Anzeichen hat es schon gegeben. APA

IHS-Chef Martin Kocher warnt angesichts der Wirtschaftsflaute vor Ausbildungsdefiziten.

WIEN Im Moment sprechen Wirtschaftsforscher von einer Flaute und nicht von einer Krise, mit der Österreich in absehbarer Zeit konfrontiert sein dürfte: „Die Arbeitslosigkeit dürfte im kommenden Jahr um einen Zehntelprozentpunkt steigen“, sagt der Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), Martin Kocher. Die Arbeitslosenquote würde demnach auf siebeneinhalb Prozent wachsen, nachdem sie dank einer guten Konjunkturlage zuletzt gesunken ist. Erste Anzeichen für eine Eintrübung hat es ja schon gegeben; in Vorarlberg ist die Arbeitslosigkeit im September bereits gestiegen.

Fette Jahre sind vorbei

Auch für die künftige Regierung bedeutet das, dass die fetten Jahre vorbei sind. Beschäftigungspolitik wird ebenso wichtiger wie Sozialpolitik, Stichwort Mindestsicherung. Martin Kocher weist zunächst jedoch darauf hin, dass man sich die Entwicklungen genauer anschauen muss. Ergebnis: Die Zahl der Beschäftigten nehme nach wie vor zu. Zu viele Arbeitslose würden jedoch nicht davon profitieren. „Wir haben ein Qualifikationsproblem“, weist Kocher auf einen Punkt hin, der seines Erachtens entscheidend ist: Ausbildungsdefizite.

Darüber hinaus trifft die Arbeitslosigkeit ältere Männer und Frauen sowie solche, die gesundheitlich angeschlagen sind. „Sie bräuchten eine spezifische Betreuung“, so Kocher. Ansätze dazu sind auf politischer Ebene bereits kurz vor der Nationalratswahl beschlossen worden; und zwar in ein 50-Millionen-Euro-Paket für ältere Arbeitslose, wobei das AMS über eine wirkungsvolle Verwendung befinden soll.

Große Budgetprobleme erwartet der IHS-Chef bei alledem nicht: Zwar werden Sozialleistungen an Bedeutung gewinnen, solange es mehr und mehr Beschäftigte und eine wachsende Lohnsumme gibt, werden aber auch die Einzahlungen zunehmen.

Trendwende bei Mindestsicherung

Michael Diettrich, Sprecher der Vorarlberger Armutskonferenz, sieht auf die Trendwende bei der Arbeitslosigkeit eine solche mit einjähriger Verzögerung auch auf die Mindestsicherung zukommen, die von der alten Regierung in eine Sozialhilfe umgewandelt wurde: „Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Arbeitslosigkeit und der Mindestsicherung“, sagt er. 2018 gab es erstmals einen Rückgang bei der Mindestsicherung. Auch heuer werde die Zahl der Bezieher sinken, ist Diettrich überzeugt: „2020 wird der Trend aber wieder kippen.“

Das Problem, das Diettrich dabei sieht, ist, dass viele Mindestsicherungsbezieher in der „normalen Wirtschaft“ nicht untergebracht werden könnten: „Wir brauchen daher wieder mehr öffentliche Beschäftigung.“ Diettrich denkt dabei an Initiativen zum Klimaschutz oder zum sozialen Wohnbau. Damit wäre es möglich, Sinnvolles mit Notwendigem zu verbinden, wie er meint – nämlich Jobs schaffen und Klimaschutzmaßnahmen setzen sowie leistbaren Wohnraum ausweiten. JOH

„Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Arbeitslosigkeit und der Mindestsicherung.“