„Weg mit Pfaffen und Ayatollahs“

Politik / 03.11.2019 • 22:25 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Im Libanon begannen vor anderthalb Wochen Proteste gegen die Regierung, die das öffentliche Leben in Beirut teilweise lahmgelegt haben.  AFP
Im Libanon begannen vor anderthalb Wochen Proteste gegen die Regierung, die das öffentliche Leben in Beirut teilweise lahmgelegt haben.  AFP

Demonstranten fordern Brot und Entkonfessionalisierung.

beirut Im Libanon versammelten sich am Sonntag Anhänger von Präsident Michel Aoun vor seinem Palais in Baabda. Der 84-Jährige versprach erneut Reformen, wie er das schon in seiner Rede am Donnerstag getan hatte. Die Erneuerung müsse aber von den „Verantwortlichen“ kommen und nicht durch die Straße erzwungen werden.

Inzwischen hat sich das Aufbegehren der Massen am Wochenende nach Tripolis verlagert. Während in Beirut Bulldozer Barrikaden samt anderen Spuren von zwei Wochen Unrast beseitigen und nach einer unpolitischen neuen Regierung aus Technokraten gesucht wird, strömen die damit allein Unzufriedenen aus dem ganzen Land in die nordlibanesische Metropole. Die bildet einen günstigen Boden zur Fortsetzung von Protesten, die nicht nur neue Minister, sondern radikalen Wandel im ganzen Regierungssystem Libanons fordern.Dieses schleppt die Dominanz von „Religionsvölkern“ aus der erst 1918 beendeten osmanischen Zeit weiter. Infrage gestellt hatte diesen Konfessionalismus schon im Herbst 2015 eine breite Protestwelle unter dem Motto „Es stinkt!“. Sie wurde von nicht beseitigten Abfallbergen in Beirut und anderen Städten ausgelöst. Zum Himmel stänken aber erst recht Korruption und Misswirtschaft des von einer Handvoll Politikerclans beherrschten öffentlichen Lebens, hieß es. Um diesen Aufruhr zu beenden, wurde das Wahlrecht geändert, es sollte außer den Religionsgemeinschaften auch ideologisch-politischen Gruppen den Einzug ins Parlament ermöglichen. Dort errangen die Reformkräfte 2018 aber nur eine Handvoll Sitze, sonst blieb alles beim Alten. Inflation, Arbeitslosigkeit und Misswirtschaft uferten weiter aus, bis den verarmten Menschen Mitte Oktober die Geduld riss.

Im Sog des Krieges

Die jetzige Krise kam vom syrischen Bürgerkrieg. Ab 2011 blieben Touristen und Investitionen wegen der gefährlichen Nachbarschaft aus, dafür kamen eineinhalb Millionen Flüchtlinge. Das ist ein Viertel der Bevölkerung. Keine andere Stadt im Libanon ist so in den Sog des syrischen Bürgerkrieges geraten wie Tripolis. Der Unmut richtet sich aber nicht wie in Europa mit ausländerfeindlichen Parolen gegen die Menschen aus Syrien, sondern gegen die Beiruter Führung. Die sei nicht einmal mehr imstande, für die eigenen Bürger zu sorgen. Der Ruf nach „Brot und Entkonfessionalisierung“ richtet sich gegen die alten christlich-maronitischen und neuen schiitischen Machthaber, die zusammen die bisherige Regierung Hariri beherrscht haben. „Pfaffen und Ayatollahs sollen beten, statt das Volk mit Füßen treten!“ tönte es am Sonntag in Tripolis.