„Zwischen Leid und Hoffnung“

Politik / 06.11.2019 • 22:31 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Simon Jacob gilt als Experte für die Länder des Nahen Ostens. Regelmäßig begleitet er auch Journalisten in Krisenregionen. Oannes Consulting GmbH
Simon Jacob gilt als Experte für die Länder des Nahen Ostens. Regelmäßig begleitet er auch Journalisten in Krisenregionen. Oannes Consulting GmbH

Autor und Journalist unterstreicht die Bedeutung der Religion in den Ländern des Nahen Ostens.

bregenz Simon Jacob kennt das Bürgerkriegsland Syrien aus nächster Nähe. Im Interview spricht der Nahost-Experte über die türkische Offensive in Nordsyrien, die Lage der Christen und den IS.

 

Sie bereisen den Nahen Osten seit Jahren und waren auch in Syrien und im Irak unterwegs. Welche Erlebnisse waren am eindrücklichsten?

jacob Am intensivsten waren die Kontraste zwischen dem Leid und der Hoffnung vieler Menschen, die sehr tief in der Spiritualität verwurzelt ist. Der Westen geht immer davon aus, dass Rationalität spirituelles Gedankengut ausschließt und betrachtet Religion als private Angelegenheit. Doch verkennt man dabei, dass Religion im Nahen Osten viel mehr als reiner Glaube ist. Oft ist es der Kitt, welcher eine Gesellschaft zusammenhält und den Menschen die Möglichkeit gibt, Leid und Trauer zu ertragen, um wieder Hoffnung zu schöpfen. Leider wird genau diese Leidenschaft zum Glauben hin oft instrumentalisiert.

 

Die türkische Offensive und Einrichtung einer sogenannten Sicherheitszone in Nordsyrien hat für Aufregung gesorgt. Wie haben Sie das dortige Gebiet kennengelernt?

jacob Bereits seit 2012, während einer meiner ersten journalistischen Aktivitäten in Nordsyrien, war ersichtlich, dass ein einmaliges Experiment durchgeführt wird. Ohne die kurdische Zusammenarbeit mit christlichen Gruppen, jesidischen Gemeinschaften und anderen Akteuren hätte es keine real existierende Sicherheitszone in dem Gebiet gegeben. Für Jahre galt es als die friedlichste Region Syriens, die Tausenden Schutz bot. Die Offensive ist der Tatsache geschuldet, dass die vielen syrischen Flüchtlinge, welche die Türkei aufgenommen hat, für Spannungen im Land sorgen, etwa im Niedriglohnsektor. Nun ist man gewillt, die Menschen umzusiedeln. Dass Ankara gegen die kurdische YPG-Miliz als Terrororganisation vorgeht, ist ein Vorwand.

 

Wie ist das Verhältnis der Kurden zu Machthaber Baschar al-Assad?

jacob Unter den Kurden, genauso wie unter anderen ethnischen und religiösen Gruppen, gibt es keine einheitliche Politik. Mit Blick auf kurdische Funktionäre in entscheidenden Positionen kann man aber sagen, dass das Verhältnis zu Assad ambivalent ist. Die Untätigkeit und Ohnmacht der Europäer als nächste Nachbarn und der Abzug der USA haben das zutage gebracht. Sie haben die Kurden und weitere Verbündete in die Hände des Regimes getrieben. Trotzdem wird man versuchen, soweit möglich, Distanz zu wahren.

Besteht die Gefahr, dass die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) nun wieder erstarken kann?

jacob Ich möchte festhalten, dass der IS, ideologisch betrachtet, nicht besiegt ist. Militärisch wurde er zurückgedrängt. Doch ist der IS nichts weiter als die Metastase einer Ideologie, die sich die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und geopolitischen Entwicklungen im Sinne einer besonders puritanischen Auslegung des Islams zunutze macht. Ziel ist es, autokratische und feudale Machtstrukturen durchzusetzen, und das schon seit Ende des Osmanischen Reichs. Solange Probleme wie die hohe Bevölkerungsdichte, Korruption, Willkür, marode Infrastruktur, mangelnde Bildung und Perspektiven, Geschlechterungleichheit und Religionsunfreiheit nicht gelöst werden, wird der Nährboden für den nächsten IS gesät. 

 

Welche Lage ergibt sich für die christliche Minderheit?

jacob Schätzungsweise 40 bis 50 Prozent der Christen dürften Syrien bereits verlassen haben. Weitere werden folgen, wenn sich nichts ändert. In Europa werden sie zum Spielball der Akteure aus dem Nahen Osten. Anhand der aktuellen Lage sind sie beispielsweise in ein Lager Assads, der Kurden und des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogans gespalten.

 

Millionen sind aus Syrien geflüchtet. Wer sind die Menschen, die nach Europa gekommen sind?

jacob Bereits 2012 war abzusehen, dass sich ein Flüchtlingsstrom auf den Weg nach Europa machen wird und nicht erst 2015, als sich viele Politiker so überrascht gezeigt haben. Zunächst kamen jene, die es sich leisten konnten. Die Welle danach war geprägt durch eine hohe Anzahl junger Männer. Wären sie im Land geblieben, hätten sie entweder innerhalb der syrischen Armee gegen die Rebellen kämpfen müssen oder auf Seiten verschiedener Rebellengruppen und Extremisten gegen den Staat. Es folgten überproportional viele Minderheiten, etwa Christen, die sich selbst nicht schützen konnten, sowie Familienangehörige.

 

Sie sind für eine Reformation des Islam. Wie könnte diese aussehen?

jacob Der Islam, gerade im Nahen Osten, befindet sich bereits in einer Reformation. Junge Geistliche, Sunniten wie auch Schiiten, sind bemüht, die Religion in den privaten Raum zu drängen, gerade weil in deren Namen gemordet, vergewaltigt und zerstört wird. Wir bekommen das in Europa nur leider wenig mit, weil wir uns mit Funktionären in gut organisierten Strukturen beschäftigen, die kein Interesse daran haben,  Religion von der Politik zu entkoppeln. Sehr viele Muslime haben das innerlich bereits längst vollzogen. Letztlich muss man begreifen, dass der politische Islam keine Religion ist, sondern ein Gesellschaftsmodell, das mit der Demokratie im Konflikt steht. VN-RAM

Zur Person

Simon Jacob

geb. 1978 in Tur Abdin (Südosttürkei), kam als Kind mit seinen Eltern aufgrund religiöser und ethnischer Spannungen nach Deutschland. Der Autor und ehem. Vorsitzende des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland reist seit Jahren durch Länder wie Syrien, Irak oder Iran.

Jacob stellt am Freitag, 19.30 Uhr, in der Landesbibliothek sein Buch „Peacemaker. Mein Krieg. Mein Friede. Unsere Zukunft“ (Herder Verlag) vor. Eintritt frei.