Historische Stunden

Politik / 08.11.2019 • 18:41 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ungläubig gestammelt oder freudetrunken geschrien – „Wahnsinn“ ist bei Tausenden das Wort dieser historischen Nacht vor 30 Jahren. Am 9. November 1989 fällt die Mauer, die Deutsche in Ost und West voneinander trennte. Die Sensation, fast beiläufig in Ost-Berlin verkündet, macht schnell die Runde: Als die Schlagbäume hochgehen und die Massen in den Westen strömen, gibt es kein Halten mehr. Wer in Berlin dabei ist, erlebt Weltgeschichte. Die Bilder, wie am Brandenburger Tor oben auf der Mauer getanzt wird und die DDR-Grenzschützer zusehen, gehen um die Welt. Doch am vielleicht glücklichsten Tag der jüngeren deutschen Geschichte liegen sich auch anderswo in der Bundesrepublik und DDR die Menschen ungläubig in den Armen, werden Wachposten geküsst, sind Freude und Jubel grenzenlos.

Zwischen damals und jetzt

Heute ist vieles anders, es scheint, als würden Welten zwischen damals und jetzt liegen. Noch zum 25. Jahrestag des Mauerfalls 2014 war die Stimmung unbeschwerter, gelassener. Doch dann kamen Flüchtlingskrise, AfD, verstärkte Angriffe auf die Demokratie, Hass und Pöbeleien, der Mord an einem Kommunalpolitiker. Es gibt Ostdeutsche, die sich abgehängt fühlen, und Westdeutsche mit Unverständnis. Laut einer Umfrage finden nur 38 Prozent der Ostdeutschen die Wiedervereinigung gelungen. Das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, ist bei vielen noch da. Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mahnt denn auch die Politik: „Lasst diese Leute mit ihren Sorgen und Nöten nicht allein. Nehmt ihre Probleme ernst und kümmert Euch“, appelliert er in Leipzig bei einer Erinnerung an die große Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989. Im Sommer und Herbst dieses Jahres haben viele Ostdeutsche das Gefühl, dass es so nicht mehr weitergeht in der DDR: die Staatsführung erstarrt, Demonstrationen, Massenfluchten über die bundesdeutschen Botschaften in Prag, Warschau und Budapest, der Sturz des DDR-Staats- und Parteichefs Erich Honecker.

„Sofort… unverzüglich“

Die Grenzöffnung verkündet das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski kurz vor 19.00 Uhr, offensichtlich nicht ganz so beabsichtigt. „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort… unverzüglich“, stammelt er. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Auch Egon Krenz, erst seit drei Wochen Generalsekretär der DDR-Einheitspartei SED, wird von den Ereignissen überrascht. Nach seiner Erinnerung bekommt er anderthalb Stunden nach Schabowskis Pressekonferenz von Staatssicherheitsminister Erich Mielke die Information, dass sich viele Menschen in Richtung Grenze bewegen. Nach Darstellung des Ex-Politfunktionärs gab es einen anderen Plan. Am Morgen des 10. November wäre eine neue DDR-Reiseverordnung in Kraft getreten, dann sollten die Grenzübergänge geöffnet werden. Doch Schabowski habe versehentlich alles vorverlegt. Dieser bestritt bis zu seinem Tod 2015 diese Version. An der Berliner Bornholmer Straße ist in der Nacht der Nächte der Andrang am größten. Die Grenzsoldaten sind ratlos. Schließlich entscheidet Stasi-Oberstleutnant Harald Jäger selbst: Schlagbaum hoch. Die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel ist damals 35, Physikerin. Mit vielen anderen marschiert sie über die Bornholmer Brücke.

Heute gilt Berlin als Stadt der Freiheit. Ein Pflasterstreifen erinnert an den Verlauf des Grenzwalls. An der Bernauer Straße entstand auf dem früheren Todesstreifen eine Erinnerungslandschaft mit originalen Mauerteilen. Nur am einstigen Grenzkontrollpunkt Checkpoint Charlie wird nach wie vor um eine würdige Erinnerung gestritten. Noch nicht begonnen hat der Bau eines Einheitsdenkmals in Berlin. Inzwischen ist eine Generation erwachsen, die sich Teilung, Kalten Krieg und mindestens 140 Tote an der Berliner Mauer kaum mehr vorstellen kann. Manche Besucher der East Side Gallery machen Selfies vor den bunten Bildern, ohne richtig zu wissen, dass die Betonwände zu den DDR-Grenzanlagen gehörten, die erst nach dem Mauerfall aus Freude bemalt wurden.