„In nationalsozialistischer Tradition“

Politik / 13.11.2019 • 22:23 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Scharsach: „Es gibt kein Liederbuch der Burschenschaften ohne Nazi-Lied.“Weiss
Scharsach: „Es gibt kein Liederbuch der Burschenschaften ohne Nazi-Lied.“Weiss

Burschenschaftsexperte Scharsach rechnet mit weiteren Liederbuchaffären.

SCHWARZACH. „Heil Hitler, ihr alten Germanen“ und andere Texte stehen in dem Burschenschafter-Liederbuch, das beim freiheitlichen Nationalratsabgeordneten Wolfgang Zanger gefunden worden ist. Die Staatsanwaltschaft Leoben hat den Nationalrat nun um Aufhebung der Immunität des FPÖ-Mandatars ersucht. Es besteht der Verdacht des Verbrechens gegen das Verbotsgesetz. Hans-Henning Scharsach, der ein Buch über die Stellung von Burschenschaftern in der FPÖ geschrieben hat, rechnet mit weiteren Liederbuch-Affären. Im Zentrum der letzten war vor eineinhalb Jahren der freiheitliche Politiker Udo Landbauer gestanden.

 

Sind Sie überrascht, dass es eine zweite Liederbuch-Affäre gibt?

SCHARSACH Nein. Ich bin mir ganz sicher, dass es kein einziges Liederbuch der Burschenschaften gibt, in dem nicht irgendein Nazi-Lied drinnen ist. Die Burschenschaften sind tief in der Tradition des Nationalsozialismus verwurzelt. Andreas Peham und Bernhard Weidinger vom „Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands“ haben das wissenschaftlich belegt. Es wird daher wieder und wieder ein Liederbuch auftauchen.

 

Trotz all der Ankündigungen, dagegen vorzugehen?

SCHARSACH Als das erste Liederbuch aufgetaucht ist, habe ich gehofft, dass sich die Staatsanwaltschaften zusammentun und alle Liederbücher einsammeln. Dann wäre das ganze Ausmaß ans Licht gekommen. Aber das hat man leider unterlassen.

 

Sehen Sie kein freiheitliches Bemühen um eine Klärung?

SCHARSACH Davon kann keine Rede sein. Man tut immer so, als würde sich die FPÖ von dem einen oder anderen mehr oder weniger distanzieren. In Wirklichkeit haben sich die Burschenschaften jedoch die FPÖ einverleibt. Bis auf Herbert Kickl und Harald Vilimsky kommen alle wesentlichen Führungsleute aus ihren Reihen. Und das Schlimmste ist: Die Identitäre Bewegung ist nichts anderes als die Jugendbewegung der Burschenschaften, die hilft, freiheitliche Politik zu bewerben.

 

Hofer ist jedoch auf Distanz zu den Identitären gegangen.

SCHARSACH Dazu ist die Verschränkung zwischen der FPÖ und den Identitären zu groß. 

ÖVP-Parteiobmann Sebastian Kurz fordert sogar ein Verbot der Identitären.

SCHARSACH Sebastian Kurz, der bisher mit der FPÖ koaliert hat, ist entweder uninformiert und sieht die Verschränkung nicht oder er spekuliert damit, dass seine Wähler das übersehen.

 

Kurz hat zur jüngsten Liederbuch-Affäre gemeint, die Texte seien „extrem widerlich und zutiefst antisemitisch“.

SCHARSACH Das ist zutreffend, alle diese Liederbücher sind antisemitisch.

 

Hat sich die Ausrichtung der FPÖ von Ex-Parteichef Heinz-Christian Strache zu Norbert Hofer denn gar nicht verändert?

SCHARSACH Nein, im Gegenteil: Hofer ist schon unter Strache der wirkliche Ideologe gewesen. Nur ein Beispiel: Den nationalsozialistischen Begriff „Volksgemeinschaft“, den Jörg Haider einst aus dem Parteiprogramm gestrichen hatte, führte er ebendort wieder ein.

 

Noch unter Strache hat die FPÖ als Reaktion auf die erste Liederbuchaffäre eine Historikerkommission eingesetzt, die demnächst einen Bericht vorlegen soll. Was ist zu erwarten?

SCHARSACH Wenn man Geschichtsfälscher damit beauftragt, ihre eigene Geschichtsfälschung als seriöse Arbeit zu qualifizieren, kann man erahnen, was herauskommt. Ich erwarte mir nur eines: Einen Aufschrei der Wissenschaft, die sich das nicht bieten lässt. Das ist im Übrigen wohl auch der Grund dafür, dass der Bericht so lange auf sich warten lässt. JOH