Charles Ritterband

Kommentar

Charles Ritterband

Labour unter Beschuss

Politik / 13.11.2019 • 15:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der Wahlkampf für die britischen Unterhauswahlen hat begonnen. Die Labour-Partei hat sich endlich, nach langem Hin und Her, dazu durchgerungen, im Falle eines Wahlsiegs ein neues Brexit-Referendum anzusetzen. Die Briten sollen die Wahl haben zwischen einem – von Labour auszuhandelnden – „vernünftigen Deal“ und dem Verbleib in der EU, also der Annulierung von Brexit. Die Tories treten eigentlich mit nur einem Wahlversprechen an: „Getting Brexit done“ – Brexit über die Bühne bringen. Nachdem sich die rechtsnationalistische Brexit-Partei unter Nigel Farage zurückgezogen hat (ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk an seinen Rivalen Boris Johnson) haben sich die Chancen für die Konservativen, die Wahlen zu gewinnen, deutlich erhöht. Wenn die Tories siegen – und laut den neuesten Prognosen wird dies (41 Prozent) mit großem Abstand vor Labour (29 Prozent) der Fall sein – dürfte der Brexit nunmehr unwiderruflich stattfinden.

Die Labour-Partei, die einer gespaltenen Nation „neue Hoffnung“ geben will, stößt hingegen auf Startschwierigkeiten. Zwar hat die Partei soeben einen (offenbar aus Russland und Brasilien kommenden) Cyber-Angriff auf ihre Wahlkampf-Plattformen abgewehrt. Die Labour-Partei steht unter Beschuss – aber die Bewältigung ihres notorischen Image-Problems wegen dem innerhalb der Partei grassierenden Antisemitismus stellt ein weit größeres Problem dar. Liberal eingestellte britische Juden – und nicht nur sie – würden allzu gern die in mancher Hinsicht gescheiterte Tory-Regierung abwählen und sie durch eine Labour-Regierung ersetzen. Diese verspräche Fairness, Millionenbeträge für Schulen und Spitäler – und stellt vor allem die Chance, Brexit ein Ende zu setzen.

Labour stößt auf Startschwierigkeiten.

Doch 87 Prozent der britischen Juden halten Corbyn für antisemitisch und rassistisch – und erinnern sich an eine Vielzahl von Episoden, die dies belegen. Für sie ist Labour nicht wählbar. Hunderte von Labour-Parteimitgliedern haben Neonazi-Symbolen gehuldigt und Holocaust-Leugnung propagiert. Die Parteiführung unter Corbyn ist nur gegen eine Handvoll von diesen vorgegangen. Corbyn hat in Disziplinarverfahren eingegriffen, um die Verdächtigen nicht nur zu entlasten, sondern sogar mit Lob (der beschuldigte Chris Williamson sei „a very good, very effective Labour MP“) zu überhäufen.

Bereits mussten sich drei Labour-Kandidaten wegen rassistischer, antisemitischer und sexistischer Bemerkungen zurückziehen. Der vierte Fall trägt groteske Züge: Der Abgeordnete für Haringey, Gideon Bull, beschimpfte einen jüdischen Mitbewerber als „Syhlock“. Zur Rede gestellt erklärte Bull, er sei eben in Arbeiterkreisen aufgewachsen und dort sei dieser Ausdruck durchaus üblich – und er habe ja nicht wissen können, dass der Geldverleiher in Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ ein Jude gewesen sei. Und dies im Lande Shakespeares.