Rankings, Reformen und „hektischer Stillstand“

Politik / 15.11.2019 • 07:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wie kann das Bildungssystem zeitgerecht gestaltet werden? ÖVP und Grüne, die derzeit Koalitionsgespräche führen, haben unterschiedliche Ansichten. APA

Baustellen der Politik: Experte empfiehlt künftiger Regierung, mehr Handlungsspielraum an Schulen zuzulassen.

Wien Bildung steht wieder im Zentrum. Zumindest zählt sie zu einem der zentralen Verhandlungsthemen von ÖVP und Grünen und bestimmt zu den größeren Hürden der Regierungsgespräche. Die ideologischen Unterschiede sind groß: Eine gemeinsame Schule für die Zehn- bis 14-Jährigen, welche die Grünen fordern, wird mit der ÖVP unter Sebastian Kurz nicht zu machen sein. Im Gegenzug wird die ÖVP an verpflichtenden Deutschförderklassen festhalten, die den Grünen verhasst sind. Welche realistischen Weichen kann also eine mögliche türkis-grüne Bundesregierung für ein zeitgerechtes Bildungssystem stellen?

Derzeit gibt Österreich im internationalen Vergleich sehr viel Geld pro Schüler beziehungsweise Student aus. Wie die aktuelle OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ aufzeigt, lagen die Ausgaben 2016 von der Volksschule bis zur Hochschule kaufkraftbereinigt pro Kopf durchschnittlich bei 14.345 US-Dollar. Im OECD-Schnitt waren es 9732 Dollar. Dafür ist die Akademikerquote eher niedrig. Einen Bachelor-, Master-, Diplom- beziehungsweise Doktorabschluss hatten 2018 nur 18 Prozent der 25- bis 64-Jährigen, während es in den OECD-Ländern 31 Prozent waren. Die Ergebnisse der Pisa-Studie 2015 zeichneten ein durchwachsenes Bild: Während die Leistungen der österreichischen Schüler im Bereich Naturwissenschaften noch im OECD-Schnitt und bei Mathematik sogar darüber liegen, schaut es beim Lesen schlecht aus. Fast ein Viertel der Jugendlichen hat eine extrem geringe Lesekompetenz.

„Pisa-Effekt“

Das heimische Bildungssystem sei nicht so schlecht, wie es oft gemacht werde, sagt Stefan Hopman, Bildungswissenschaftler an der Universität Wien. Hopmann nennt das den „Pisa-Effekt“.  Die Rankings würden überdecken, was positiv läuft. Der Experte verweist etwa auf die berufliche Bildung, bei der Österreich recht gut abschneide. Außerdem sei die Abbrecherquote eher gering. Probleme sieht der Wissenschaftler indes bei den Kosten und bei der sozialen Chancenverteilung. Letzteres sei aber kein österreichisches Spezifikum. „Reiche Länder mit gut ausgestatteten Schulsystemen machen tendenziell eher wenig, um diese Schieflage auszugleichen.“

Aus Sicht Hopmanns besteht der Kernfehler der österreichischen Bildungspolitik darin, zu glauben, „man könne durch Vorschriften und Strukturreformen von oben das Gute verordnen“. Der Experte nennt diese Praxis „hektischen Stillstand“, eine Reform jage die nächste. „Man dreht an Stellschrauben. Und dann kommt nicht heraus, was man sich erhofft hat. Im Gegenteil.“ Diesbezüglich gebe es auch in den aktuellen Koalitionsverhandlungen Spannungspotenzial.  „Niemand kann die ÖVP zwingen, das Gymnasium abzuschaffen. Und die Volkspartei kann von den Grünen nicht reine Leistungsförderung verlangen.“

Man dreht an Stellschrauben. Und dann kommt nicht heraus, was man sich erhofft hat. Im Gegenteil.

Stefan Hopmann, Bildungswissenschaftler

Anstatt sich mit ideologischen Fragen aufzuhalten, empfiehlt der Bildungsforscher einen pragmatischen Zugang. Die Politik müsse individuellen Handlungsspielraum für Lehrer, Eltern und Schüler an den Schulstandorten schaffen. Wirkliche Schulautonomie gebe es an österreichischen Schulen nämlich nicht, kritisiert Hopmann. Daran habe auch die jüngste Bildungsreform nichts geändert. Das skandinavische Vorbild beweise indes, dass die besten Schulen durch Veränderung und Entwicklung „von unten“ geprägt seien. So würden sich etwa auch für Feldkirch andere Voraussetzungen ergeben als für Wien-Döbling. „Wenn alle Beteiligten eine konkrete Vorstellung davon haben, wie sie ihre Schule gestalten wollen und sich entsprechend einbringen können, hat das mehr Wirkung als irgendwelche von oben verordneten Reformen“, glaubt der Bildungsexperte. „Es ergibt sich die Chance, ohne großen Aufwand einen sichtbaren Unterschied an den Schulen zu erzeugen.“

Von Uni-Ausgaben bis zu Ziffernnoten

Der Forderungskatalog an die künftige Bundesregierung in Sachen Bildung ist lang. So fordert die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) beispielsweise, dass die Ausgaben für den Hochschulsektor auf mindestens zwei Prozent des BIP steigen müssen (derzeit: 1,5 Prozent). Außerdem müsse das gemeinsame Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung erhalten bleiben. Die Österreichische Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Bildungswesen (ÖFEB) ruft wiederum zu einem „Rückbau lernbehindernder Bildungsmaßnahmen“ auf. Dazu zählt sie die Wiedereinführung der verpflichtenden Ziffernnoten und des Sitzenbleibens in der Volksschule, Leistungsgruppen in der Neuen Mittelschule und verpflichtende Deutschklassen. Eine Reihe an Forderungen erhebt auch die von der Industriellenvereinigung (IV) gegründete Initiative „Neustart Schule“; sie reichen von Exzellenzinitiativen ab dem Kindergarten, einer überparteilichen Vision für ein Gesamtkonzept im Bildungsbereich bis hin zu einer umfassenden Bildungsreform, die alle Bereiche umfasst.