Statt Noten gibt es Sterne

Politik / 15.11.2019 • 22:32 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der 17-jährige Benjamin Hadrigan stellte am Freitag seine App vor und erntete umgehend Kritik sowohl von Lehrer- als auch von Schülerseite.aPA
Der 17-jährige Benjamin Hadrigan stellte am Freitag seine App vor und erntete umgehend Kritik sowohl von Lehrer- als auch von Schülerseite.aPA

In einer App können Schüler nun Lehrer bewerten. Die Gewerkschaft protestiert.

Wien 4,3 Sterne erhält ein bekanntes Bierlokal in Rankweil. Der Frisör ums Eck schafft in der Online-Bewertung 4,6 Sterne. Es gibt Ärzte im Ort mit voller Sternenzahl, andere schneiden mittelmäßig ab. Gleiches gilt für Unterkünfte und Supermärkte. Mittlerweile ist es möglich, allem Sterne zu geben. Nur nicht Lehrern, dachte sich wohl der 17-jährige Wiener Benjamin Hadrigan. Am Freitag stellte er seine App „Lernsieg“ vor, mit der Pädagogen bewertet werden können. Die Lehrergewerkschaft sieht die Persönlichkeitsrechte der Pädagogen gefährdet. Ein Vorarlberger Lehrer will um Rechtsschutz ansuchen und bitten, gegen die App vorzugehen. Auch die Vorarlberger Landesschulsprecherin Laura Bayer hält wenig von dem Bewertungssystem. 

Hadrigan will den Schülern eine Stimme geben. Investoren haben ihn mit einem sechsstelligen Betrag unterstützt. Für die App wurde eine Datenbank mit rund 90.000 Lehrern und den entsprechenden Schulen angelegt. Die Schüler können ihre Pädagogen nach Kategorien wie Unterricht, Fairness oder Pünktlichkeit bewerten. Erhält ein Lehrer weniger als fünf Sterne, scheinen Unterkategorien auf, um die Mängel zu konkretisieren. Eine offene Kommentarfunktion gibt es nicht. Für jede Schule entsteht eine Lehrer-Rangliste. Nach dem gleichen System können auch Schul­standorte benotet werden. Ob nur Schüler ihre Stimme abgeben, ist nicht überprüfbar. Aber: „Ich bewerte ja auch nicht Ärzte, bei denen ich nicht war“, sagt Hadrigan.

Der Vorarlberger Lehrergewerkschafter Gerhard Unterkofler ist gegen die App, aber sehr wohl für Feedback; wenn es anonym sei und nicht öffentlich, „wo Hinz und Kunz auf Lehrpersonen hinhauen können“. Derzeit werde an den Vorarlberger Schulen ein Feedback-System getestet, das Schüler und Eltern einbeziehe. Dass die Gewerkschaft gegen die App vorgehe, sei fix, sagt Unterkofler. Mit dem Rechtsschutzansuchen eines Vorarlberger Lehrers, könne sie tätig werden. Unterkofler glaubt, dass die App datenschutzrechtlich problematisch ist.

Die Datenschützer von Epicenter.works halten eine datenschutzkonforme Umsetzung der App hingegen für möglich. „Wir sehen keine grundsätzlichen Bedenken“, schreiben sie in einer vorläufigen Einschätzung für die VN. Datenschutzrechtlich relevant sein könnte die Sammlung der persönlichen Daten der Lehrer, da ihr Name und die Schule, an der sie unterrichten, benötigt werden. „Da dem Datenschutz hier auch ein öffentliches Interesse an der Qualität öffentlicher Schulen gegenübersteht, könnte eine Verarbeitung aber ohne Zustimmung rechtskonform stattfinden“, halten die Datenschützer fest.

Landesschulsprecherin Bayer bevorzugt ein digitales und anonymes Feedback. Die Schüler müssten genau sagen können, was sie am Unterricht störe und verbessert gehöre. Mit Sternen alleine, sei das nicht machbar: „Ein fundiertes und konstruktives Feedback ist das nicht.“

„Ich will nicht, dass Hinz und Kunz öffentlich auf Lehrpersonen hinhauen können.“