„Wer länger arbeitet, muss belohnt werden“

Politik / 17.11.2019 • 22:24 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wer länger als 40 Jahre arbeitet, soll belohnt werden, meint die AK.APA
Wer länger als 40 Jahre arbeitet, soll belohnt werden, meint die AK.APA

Debatte um höheres Antrittsalter. AK für Pensionskorridor.

Birgit Entner-Gerhold

Wien Pensionsreformen sind in der Regel umstritten. Meistens bedeuten sie weniger Geld und/oder einen späteren Pensionsantritt. Letzteres ist in Österreich längst überfällig, sagen zumindest EU-Kommission und OECD. Auch der wirtschaftsliberale Think Tank Agenda Austria und die Neos wiederholen ihre Forderung nach einer Koppelung des Pensionsantrittsalters an die steigende Lebenserwartung immer wieder. Sozialwissenschaftler Bernd Marin meint: „Gar nichts tun, geht gar nicht, weil die Lebenserwartung jedes Jahr um 71 bis 101 Tage steigt. Da kostet Nichtstun 300 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr.“ Er schlägt vor, das gesetzliche Pensionsalter jährlich um ein, zwei Monate anzuheben.

AK fordert mehr Flexibilität

Nicht nötig, meint Arbeiterkammerdirektor Rainer Keckeis, der den VN ein anderes Konzept für eine Pensionsreform vorlegt: „Am sinnvollsten wäre es, einen Korridor zwischen 60 und 70 Jahren einzurichten, innerhalb dessen jeder Versicherte selbst entscheiden kann, wann er in den Ruhestand tritt.“ Gleichzeitig müsse aber auch der Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmer ausgebaut werden, um echte Entscheidungsfreiheit zu gewährleisten. Die Vorarlberger Arbeiterkammer schlägt vor, den jährlichen Steigerungsbetrag für die ersten 40 Versicherungsjahre von 1,78 auf 1,75 Prozent zu senken. Ein vereinfachtes Beispiel der Gewerkschaft zeigt: Wenn jemand 1000 Euro monatlich verdient, werden ihm 17,80 Euro – also 1,78 Prozent der Bemessungsgrundlage – als künftige Monatspension gutgeschrieben. Nach 40 Jahren ergibt sich eine Pension von 712 Euro (40 mal 17,8). Mit einem reduzierten Steigerungsbetrag von 1,75 wären es 700 Euro, also 70 Prozent der Bemessungsgrundlage. (Der Betrag wird natürlich jährlich mit der Lohn-
entwicklung aufgewertet.)

Der Vorschlag der Arbeiterkammer Vorarlberg sieht außerdem vor, jene zu belohnen, die länger als 40 Jahre arbeiten und den Steigerungsbetrag danach auf zwei Prozent zu erhöhen. Einen höheren Steigerungsbetrag oder entsprechende Zuschläge soll es auch für alle Eltern mit Kindern bis zum 7. Lebensjahr geben, die teilzeitbeschäftigt sind. AK-Direktor Keckeis hält außerdem fest, dass ein Pensionsantritt unter 65 Jahren nur dann möglich sein soll, wenn die Pension zumindest die Höhe der Ausgleichszulage erreiche. Diese liegt für Alleinstehende derzeit bei 933 Euro. Ein flexibleres System könne schließlich nicht auf Kosten der Steuerzahler gehen.

Derzeit gehen Männer durchschnittlich mit 61,3 Jahren in Pension, Frauen mit 59,3, wie die Pensionsversicherungsanstalt vermeldet. Das faktische Antrittsalter wäre niedriger, würden Reha-Geldbezieher einberechnet.

„Mindestpension systemwidrig“

Die von SPÖ, ÖVP und FPÖ beschlossene Einführung der Mindestpension von 1315 Euro für alle, die mindestens 40 Jahre gearbeitet haben, ist laut Keckeis hingegen eine gewaltige Mogelpackung. „Jemand, der 40 Jahre lang nur ein paar Stunden gearbeitet hat und leicht über der Geringfügigkeitsgrenze liegt, kommt auf die gleiche Pension wie jemand, der etwa 40 Jahre für 1850 Euro monatlich brutto Vollzeit im Handel tätig war. Das ist völlig systemwidrig.“ Am Ende sei hier der Fleißige der Dumme. 

Pensionen in Zahlen

Versicherte Rund 3,4 Millionen versicherte Arbeitnehmer leisten laut Zahlen der Pensionsversicherungsanstalt von ihrem Einkommen 22,8 Prozent an Pensionsbeiträgen und finanzieren so rund 1,95 Millionen Pensionisten. Das heißt, auf 1000 Pflichtversicherte entfallen 574 Pensionen. 2013 waren es ebenso wie 2009 610.

Pensionshöhe Bie den Neuzugängen liegt die Durchschnittspension in Österreich bei 1211 Euro monatlich. Pro Jahr treten rund 100.000 Arbeitnehmer in den Ruhestand. Über alle Pensionisten gerechnet, liegt die Durchschnittspension laut Zahlen der Pensionsversicherungsanstalt derzeit bei 1158 Euro.

Pensionsschere Am 29. Juli war heuer der „Equal Pension Day“. Das heißt, ein österreichischer Pensionist hat an diesem Tag im Durchschnitt jene Pension erhalten, die eine Pensionistin bis Jahresende erreichen wird. Frauen bekommen also über 40 Prozent weniger als Männer. Schlusslicht ist Vorarlberg. Hier fand der Equal Pension Day heuer schon am 6. Juli statt.

Bundeszuschuss Laut Berechnungen der Arbeiterkammer finanzierten die Arbeitnehmer im Jahr 2018 zu 87,7 Prozent ihrer Pension mit eigenen Beiträgen, die rund 170.000 Pensionierten Bauern zu 15,7 Prozent und die 190.000 Selbständigen zu 63,8 Prozent.