VN-Hintergrund: US-Kehrtwende in Nahost

Politik / 25.11.2019 • 11:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
US-Vizepräsident Pence traf überraschend Kurdenführer Barzani. REUTERS

VN-Hintergrund: Nach dem Ausufern der türkischen Expansion hat sich die Lage geändert.

Heinz Gstrein

erbil Mit der überraschender Entsendung seines Vizepräsidenten Mike Pence zu US-Soldaten am Euphrat und einer Begegnung mit dem irakischen Kurdenführer Nechirvan Barzani am Wochenende hat Donald Trump einen seiner schon notorischen Nahosthaken geschlagen: Zum amerikanischen Erntedank brachte er der Besatzung des Luftstützpunkts Ain Assad außer dem traditionellen Truthahn vor allem Durchhalteparolen im Konfliktdreieck Türkei-Syrien-Irak. Vor zwei Monaten hatte es aus Trumps Mund noch nach Abzug getönt, und damit dem türkischen Einfall ins syrische Kurdistan Tür und Tor geöffnet. Seitdem haben sich die Dinge in dem von Ankara beanspruchten „Sicherheitsstreifen“ mit Hereinnahme der Russen durch Erdogan und dem Wüten syrischer Islamisten-Freischaren in seinem Sold gegen die aramäischen und armenischen Christen ganz und gar nicht im Sinn Washingtons und erst recht nicht des evangelikal vernetzten Pence entwickelt.

Dieser sagte daher dem Regierungschef des autonomen irakischen Kurdistan, Nechirvan Barzani, weiteren amerikanischen Beistand für die Kurden in Syrien zu. Der Enkel des legendären Nationalhelden Mustafa Barzani hatte damit gedroht, seinen von Trump im Stich gelassenen Landsleuten seine Peschmerga-Verbände zu Hilfe zu schicken, wenn die USA nicht ihren eigenwilligen türkischen Nato-Partnern Zügel anlegten. Damit wäre aber der Konflikt in Nordsyrien eskaliert, hätte wohl den Irak mit hineingezogen und mit großer Wahrscheinlichkeit auch den amerikanischen Erzfeind Iran herbeigerufen.

Eine solche Entwicklung wollte Donald Trump nicht riskieren. Zwar hatte er auch versprochen, türkische Menschenrechtsverletzungen bei der Operation „Friedensquelle“ nicht zu dulden. Die störten die selbst in Nahost ganz und gar nicht zimperlichen Amerikaner dann weniger. Offiziell werden Verbleiben und Neuaufstellung der US-Truppen in Syrien mit fortbestehender Bedrohung durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) begründet. Eigentliche Gefahr sind aber die anderen Islamisten von der so genannten Syrischen National-Armee. Ankara hat diesen Irregulären zunächst die Schmutzarbeit bei Eroberung der Grenzstädte Tell al-Abiad und Ain al-Arab und dann die Herrschaft im gesamten „befriedeten“ Gebiet überlassen. Dort säumen zerstörte Kirchen und gebrandschatzte Christendörfer ihren Weg. „Sie hausen wie die Tiere“, sagt ein junger Kurde, der im Kampf für die Amerikaner gegen den IS den rechten Arm verloren hat.