Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Schichtwechsel

Politik / 26.11.2019 • 22:38 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Trotz der Überraschung war es wohl zu erwarten wie das Amen im Gebet, auch wenn dieser Vergleich bei der SPÖ nicht ganz passend erscheint. Der Rücktritt von Michael Schickhofer nach der verlorenen Steiermark-Wahl gleicht einem bekannten Ende und einem vertrauten Beschwörungsritual: Den vermeintlich Schuldigen vom Platz jagen und weitermachen! Profitieren wird bereits das zweite Mal nach 2015 allein die ÖVP. Zuerst schenkte ihr der damalige SP-Wahlverlierer Franz Voves den Landeshauptmann. Nun bekommt Hermann Schützenhöfer ein SP-Gegenüber nach seinem Geschmack. Gratulation an einen Beharrlichen, der erst im dritten Anlauf einen Stimmengewinn schaffte. Gratulation an seine Partei, die dennoch nicht die Nerven verlor.

Man kann Schickhofer für einen mäßig talentierten Politiker halten. Aber einen 40-Jährigen gegen einen 60-Jährigen auszutauschen, lässt sich nicht als Zukunftsprogramm verkaufen. Statt den anstehenden Generationswechsel in der ÖVP zu nutzen, scheint sich die SPÖ mit der Rolle des Vize auch in der Ära nach Schützenhöfer abzufinden. Doch in der Steiermark werden auch Bundeswahlen gewonnen oder aus Sicht der SPÖ wohl verloren. Einstige rote Hochburgen gingen dort zunächst an die Blauen und jetzt an Türkis. In Graz sank die ehemalige Bürgermeisterpartei bereits 2017 auf zehn Prozent.Linke Polit-Talente machten in der Hauptstadt die KPÖ zur zweitstärksten Kraft.

Man kann Pamela Rendi-Wagner für eine mäßig geeignete Parteichefin halten. Scheitern wird diese Partei in Zukunft mit jedem Nachfolger an ihren beharrenden Strukturen, der Themenleere und dem Verlust der inneren Solidarität. Und etwas sollten wir alle bedenken: Politik wird als Berufsfeld zunehmend unattraktiv. In Zukunft müssen wir also froh sein, wenn zwar nur halbwegs talentierte, aber zumindest anständige Menschen sich dazu bereit erklären. Denen es nicht nur um Posten und Spesen, um Betrug und Bereicherung geht. Das ist ein niederschmetternder Befund, aber leider realistisch. Nicht jede Partei wird ein Kommunikationstalent wie Sebastian Kurz finden.

Ob sich dieses Modell bewährt, wird die politische Bilanz der ÖVP erst in einigen Jahren zeigen. Noch zehrt Kurz von Vorschussvertrauen und den Erfahrungen seiner Partei, die zuvor in immer kürzeren Abständen ebenfalls ihre Chefs vom Platz jagte angesichts desaströser Umfragen und Wahlergebnisse. Die Grünen waren 2017 sogar noch weiter unten und verpassten den Einzug in den Nationalrat. Ihre Geschlossenheit heute, die Disziplin bei den Regierungsverhandlungen ist daher weniger der Führungsqualität Werner Koglers geschuldet als diesem Schock. Die SPÖ befindet sich noch auf der Lernkurve – nach unten.

„Aber einen 40-Jährigen gegen einen 60-Jährigen auszutauschen, lässt sich nicht als Zukunftsprogramm verkaufen.“

Kathrin Stainer-Hämmerle

kathrin.stainer-­haemmerle@vn.at

FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin, lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.