„Ich bin dem Schicksal dankbar“

Politik / 29.11.2019 • 22:34 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Jede Lebensphase bringe spannende Herausforderungen mit sich, meint der frühere Spitzenpolitiker. APA
Jede Lebensphase bringe spannende Herausforderungen mit sich, meint der frühere Spitzenpolitiker. APA

Seinen Eintritt in die Politik habe er nie bereut, sagt Ex-Kanzler Kern.

lech Der frühere Kanzler Christian Kern sprach am Rande des Mediengipfels über neue Herausforderungen, alte Versäumnisse und die Bedeutung großer Ziele. Zur SPÖ schwieg er lieber.

 

Sie haben sich vor einem Jahr aus der Politik zurückgezogen. Wie sieht Ihr Leben jetzt aus?

Kern Jede Lebensphase hat spannenden Herausforderungen. Persönlich genoss ich das Privileg, viele verschiedene Dinge in meinem Leben machen zu können. Ich habe die größten Konzerne Österreichs geführt, ich war Parteivorsitzender und Bundeskanzler, nun möchte ich etwas machen, dass für mich gewisses Neuland ist. Aus diesem Grund führen wir jetzt unser eigenes Unternehmen.

 

Haben Sie Ihren Eintritt in die Politik jemals bereut?

Kern Nein, nicht eine Sekunde! Ich bin dem Schicksal dankbar, für meine Zeit in der Politik und für alles, was ich dadurch erleben durfte.

 

Sie bezeichneten in Ihrem Vortrag das Leben als Politiker als eine Art Suchtverhalten. Bereuen Sie ein Jahr später Ihren Ausstieg?

Kern Mein Ausstieg aus der Politik war für mich die richtige Entscheidung, ich bereue sie also nicht.

 

Ein Comeback Ihrerseits in die Politik kann also ausgeschlossen werden?

Kern Ehrlich gesagt weiß ich nicht, warum ich in die Politik zurückkehren sollte. Was ich jetzt mache, ist eine Perspektive, die über einen längeren Zeitraum gehen wird und die mir auch großen Spaß macht.

Der Mediengipfel dreht sich dieses Jahr um die „zerrissene Welt“. Wo sehen Sie die größten Auswirkungen?

Kern Meiner Meinung nach ist die Politikfähigkeit im Westen ein großes Thema. Unsere kulturellen, wirtschaftlichen sowie politischen Errungenschaften werden in allen Erdteilen geschätzt. Was ich aber erlebe, ist, dass der Glaube an die Institutionen und die Demokratie durch die Zersplitterung, den Aufstieg des Populismus, Lügen als politisches Ausdrucksmittels, massiv geschwächt wird. Das ist eine große Gefahr.

 

Wie zerrissen ist denn Österreich?

Kern In Österreich erleben wir nichts anderes als in vielen anderen Ländern. Wir erleben jetzt zum Beispiel das Impeachment-Verfahren in den USA. Das ist vom ersten Tag an ein Kampf im Schützengraben und zeigt Konfrontation anstelle von Verständnis, dass gemeinsam die demokratischen Institutionen respektiert werden müssen.

 

Kann die zerrissene Welt Ihrer Meinung nach wieder vereint werden?

Kern Es braucht gemeinsame Ziele, Visionen und die Leidenschaft dafür, diese zu erreichen. Vielleicht ist das eine zu unternehmerische Sicht, aber ich glaube, man muss sich große Ziele setzen. Das sieht man auch am Beispiel Tesla: Man kann von Elon Musk halten was man will, aber er meinte, er würde das beste Elektroauto der Welt herstellen. Jeder hielt ihn für verrückt, aber genau das hat er geschafft.

 

Sie haben eben auf der Bühne gesagt, dass sie manchmal vielleicht doch etwas zu populistisch waren, was haben Sie damit gemeint?

Kern Naja, ich habe, glaube ich, sehr deutlich versucht, nicht populistisch zu sein, aber da oder dort machst du Zugeständnisse, auch im Umgang mit Medien, und ich denke, dass da eine noch größere Distanz gerechtfertigt gewesen wäre. Ohne Probleme zu ignorieren (gemeint ist das Flüchtlingsthema, Anm.), aber über die wirklichen Probleme zu reden, das haben wir viel zu wenig getan.

Das Interview führten Alyssa Hanßke (VN), Franziska Schwarz (Universität Fribourg) und Maximilian Moschen (TT) im Rahmen des Europäischen Mediengipfels in Lech am Arlberg. Dort nehmen sie an der diesjährigen Medienakademie teil.