Ex-Kanzler Kern: „Ich bin dem Schicksal dankbar“

Politik / 01.12.2019 • 12:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Jede Lebensphase bringt spannende Herausforderungen mit sich, sagt der frühere Spitzenpolitiker. APA

Seinen Eintritt in die Politik habe er nie bereut, sagt der frühere Spitzenpolitiker.

lech Im Interview im Rahmen des Mediengipfels in Lech spricht der frühere Bundeskanzler Christian Kern über neue Herausforderungen, alte Versäumnisse und die Bedeutung großer Ziele.

Sie haben sich vor einem Jahr aus der Politik zurückgezogen. Wie sieht Ihr Leben jetzt aus?

Jede Lebensphase hat spannende Herausforderungen. Persönlich habe ich das Privileg genossen, viele verschiedene Dinge in meinem Leben machen zu können. Ich habe die größten Konzerne Österreichs geführt, ich war Parteivorsitzender und Bundeskanzler, nun möchte ich etwas machen, das für mich gewisses Neuland ist. Aus diesem Grund führen wir jetzt unser eigenes Unternehmen.

Haben Sie Ihren Eintritt in die Politik jemals bereut?

Nein, nicht eine Sekunde! Ich bin dem Schicksal dankbar für meine Zeit in der Politik und für alles, was ich dadurch erleben durfte.

Sie bezeichneten in Ihrem Vortrag das Leben als Politiker als eine Art Suchtverhalten. Bereuen Sie ein Jahr später Ihren Ausstieg?

Mein Ausstieg aus der Politik war für mich die richtige Entscheidung, ich bereue sie also nicht.

Ein Comeback in die Politik kann also ausgeschlossen werden?

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, warum ich in die Politik zurückkehren sollte. Was ich jetzt mache, ist eine Perspektive, die über einen längeren Zeitraum gehen wird, und die mir auch großen Spaß macht.

Der Mediengipfel dreht sich um die „zerrissene Welt“. Wo sehen Sie die größten Auswirkungen?

Meiner Meinung nach ist die Politikfähigkeit im Westen ein großes Thema. Unsere kulturellen, wirtschaftlichen sowie politischen Errungenschaften werden in allen Erdteilen geschätzt. Was ich aber erlebe, ist, dass der Glaube an die Institutionen und die Demokratie durch die Zersplitterung, den Aufstieg des Populismus, Lügen als politisches Ausdrucksmittel massiv geschwächt wird. Das ist eine große Gefahr.

Wie zerrissen ist denn Österreich?

In Österreich erleben wir nichts anderes als in vielen anderen Ländern. Wir erleben jetzt zum Beispiel das Impeachment-Verfahren in den USA. Das ist vom ersten Tag an ein Kampf im Schützengraben und zeigt Konfrontation anstelle von Verständnis, dass gemeinsam die demokratischen Institutionen respektiert werden müssen.

Kann die zerrissene Welt Ihrer Meinung nach wieder vereint werden?

Es braucht gemeinsame Ziele, Visionen und die Leidenschaft dafür, diese zu erreichen. Vielleicht ist das eine zu unternehmerische Sicht, aber ich glaube, man muss sich große Ziele setzen. Das sieht man auch am Beispiel Tesla: Man kann von Elon Musk halten, was man will, aber er sagte, er werde das beste Elektroauto der Welt herstellen. Jeder hielt ihn für verrückt, aber genau das hat er geschafft.

Sie haben auf der Bühne gemeint, dass Sie manchmal vielleicht etwas zu populistisch waren, was haben Sie damit gemeint?

Naja, ich habe, glaube ich, sehr deutlich versucht, nicht populistisch zu sein, aber da oder dort machst du Zugeständnisse, auch im Umgang mit Medien, und ich denke, dass da eine noch größere Distanz gerechtfertigt gewesen wäre. Ohne Probleme zu ignorieren (gemeint ist das Flüchtlingsthema, Anm.), aber über die wirklichen Probleme zu reden, das haben wir viel zu wenig getan.

Das Interview führten Alyssa Hanßke (VN), Franziska Schwarz (Universität Fribourg) und Maximilian Moschen (TT) im Rahmen des Europäischen Mediengipfels in Lech am Arlberg. Dort nehmen sie an der diesjährigen Medienakademie teil, die Nachwuchsjournalisten Praxiserfahrung unter Echtzeitbedingungen ermöglicht.